Seit neun Jahren ist die Anreicherung
von Getreideprodukten
mit Folsäure
in den USA und Kanada gesetzlich vorgeschrieben.
Denn Folsäure,
ein B-
Vitamin, senkt
das Risiko von angeborenen Fehlbildungen
wie dem offenen
Rücken (Spina bifida).
Jetzt zeigt sich der Erfolg dieser Politik.
Wie eine vor kurzem
veröffentlichte Studie belegt,
ging die Zahl der entsprechenden Fehlbildungen
in Kanada um fast die Hälfte zurück.
In den USA betrug der Rückgang 30 Prozent.
In der EU beginnt nun Irland mit der Folsäureanreicherung,
Großbritannien dürfte demnächst folgen.
Das deutsche Verbraucherschutzministerium lehnt
ähnliche Maßnahmen mit dem Hinweis auf ungeklärte Risiken bislang ab.
Neuralrohrdefekte
heißen die Fehlbildungen,
die durch Folsäure
zumindest zum Teil verhindert werden können.
Sie entstehen bereits in der frühen
Schwangerschaft,
als entscheidende Zeitspanne
gilt die vierte Schwangerschaftswoche.
Teile des Gehirns,
des Rückenmarks,
der schützenden Hirnhäute
und der Wirbelsäule entwickeln sich nicht richtig.
Am häufigsten
sind die Anenzephalie und die Spina bifida.
Bei der Anenzephalie bildet sich ein großer Teil des Gehirns nicht.
Die Kinder sterben im Mutterleib oder kurz nach der Geburt.
Bei der Spina bifida
schließt sich der Wirbelkanal
nicht.
Das Rückenmark wird nicht durch die Wirbelsäule geschützt.
Meist kommt es deshalb zu Lähmungen,
etwa der Beine.
Die Fehlbildungen
entstehen zu einer Zeit,
zu der viele Frauen noch gar nicht wissen,
dass sie schwanger sind.
Frauen,
die schwanger werden wollen,
müssten also eigentlich vorsorglich Folsäuretabletten einnehmen.
Eben das macht aber nur ein kleiner,
gut informierter
Teil,
etwa zehn Prozent.
Kampagnen erwiesen
sich als wenig wirksam.
Deshalb entschloss
man sich in Kanada und USA,
den Mangel per Gesetz zu beseitigen.
Wie Philippe de Wals von der Laval University
in Quebec und seine Kollegen im Fachblatt „New
England Journal of Medicine“
berichten,
kamen in Kanada vor Einführung der Folsäureanreicherung
durchschnittlich 1,
58 Neuralrohrdefekte
auf 1000 Geburten.
2002,
nach der Einführung,
waren es nur noch 0,86
auf 1000.
Ein Rückgang um 46 Prozent.
In Deutschland werden angeborene Fehlbildungen
nicht systematisch registriert.
Aber die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
geht in einem Positionspapier
von einer Häufigkeit
von ein bis zwei Kindern pro 1000 Geburten
aus.
Bei rund 700 000 Lebendgeburten
pro Jahr wären 700
bis 1400
Kinder betroffen. Legt
man die kanadischen
Erfahrungen zugrunde,
könnten knapp 700
von ihnen durch folsäurehaltiges
Mehl gesund zur Welt kommen.
Jedes Jahr.
Die DGE befürwortet
die Folsäureanreicherung,
etwa von Bäckermehl.
Denn Brot isst jeder.
Damit ist dieses Grundnahrungsmittel ein idealer Vitaminbote.
Auch deshalb,
weil nicht nur Schwangere,
sondern die meisten Deutschen zu wenig Folsäure
aufnehmen.
Bei einer umfassenden Anreicherung
von Mehl und Backwaren
mit 150 Mikrogramm Folsäure
auf 100 Gramm Mehl würden fast alle Männer und Frauen ausreichend Folsäure
bekommen.
Im Moment nehmen die Deutschen 200 bis 300 Mikrogramm Folat-
Äquivalente auf –
das sind die in der Nahrung vorkommenden natürlichen Vitaminverbindungen.
400 Mikrogramm Folat gelten
als täglicher
Bedarf.
Folsäure senkt
die Konzentration der Aminosäure Homocystein
im Blut. Homocystein
gilt als Risikofaktor
für Herz-
Kreislauf-
Erkrankungen,
so dass Befürworter der Folsäureanreicherung
sich günstige Effekte für Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall versprechen.
Aus großen Untersuchungen geht hervor,
dass eine hohe Folsäurezufuhr
über die Nahrung mit einem niedrigeren
Risiko für Herzinfarkt,
Schlaganfall und Bluthochdruck einhergeht.
Wer zusätzlich zur normalen Ernährung Folsäure einnimmt,
kann sein Schlaganfallrisiko
um fast ein Fünftel senken, ergab
eine im Fachblatt „Lancet“
veröffentlichte Analyse der bisherigen
Studien.
Und:
Die Sterblichkeit am Schlaganfall ging in den USA und Kanada nach Einführen der gesetzlich vorgeschriebenen Anreicherung
deutlich zurück.
Allerdings ist ein ursächlicher
Zusammenhang nicht bewiesen.
Menschen,
die bereits herzkrank sind oder die schon einen Schlaganfall hatten,
bringt Folsäure
nach den bisherigen
Studien offenbar wenig.
Noch ungeklärt ist,
ob der geistige Abbau
im Alter schneller abläuft,
wenn man zu wenig Folsäure
zu sich nimmt.
Aufsehen erregte vor kurzem
eine im Fachblatt „Jama“
veröffentlichte amerikanische Studie zu Folsäure
und Darmkrebs.
Menschen,
bei denen noch gutartige Vorläufer
von Darmkrebs (
Polypen)
entdeckt worden waren, schluckten Folsäuretabletten.
Statt des erhofften Antikrebseffekts erhöhte Folsäure
das Risiko für Tumoren
sogar geringfügig.
Allerdings nahmen
die Versuchsteilnehmer
eine vergleichsweise hohe Dosis Folsäure –
ein Milligramm –,
die noch dazu zusätzlich zu ohnehin angereicherten
Lebensmitteln eingenommen
wurde.
Dem Thema Folsäure
und Krebs soll nun eine Kommission
der Europäischen
Behörde für Lebensmittelsicherheit
nachgehen.
Bis diese Frage nicht geklärt
ist,
werde sich Europa mit der Folsäureanreicherung
weiterhin schwertun,
vermutet Hildegard Przyrembel
vom Bundesinstitut
für Risikobewertung
in Berlin.
Kritiker argumentieren
häufig,
dass eine Folsäureeinnahme
einen Mangel an Vitamin B 12 überdecken
kann.
Allerdings tritt eine solche „Maskierung“
erst auf,
wenn die Betroffenen
täglich fünf Milligramm Folsäure
oder mehr zu sich nehmen.
Weder in den USA noch in Kanada wurden Hinweise gefunden,
dass ein verdeckter
Vitamin-
B-
12-
Mangel seit der Mehlanreicherung
zugenommen hat.
Wenn die Folsäure
hierzulande ins Mehl kommt,
dann sollte sie als Zusatzstoff
aus anderen Lebensmitteln verschwinden,
schlägt die DGE
vor.
Auf diese Weise würde einem möglichen Zuviel an Folsäure
ein Riegel vorgeschoben.
Eine tägliche Aufnahme von 1000 Mikrogramm (
ein Milligramm)
sollte nicht überschritten werden.
Die Ernährungswissenschaftler sind überzeugt: „
Mögliche Gesundheitsgefährdungen
der Bevölkerung durch die Anreicherung
von Mehl mit Folsäure
erscheinen vernachlässigbar
gegenüber den zu erwartenden gesundheitlichen Vorteilen.“
Trotzdem stehen die Chancen für die Anreicherung
schlecht.
Das Verbraucherschutzministerium lehnt
sie ab,
weil es „gezieltere
Maßnahmen“ gebe,
wie eine Sprecherin
sagt.
Es bestehe
die Gefahr,
dass bestimmte Bevölkerungsgruppen „überversorgt“
würden.
Der Bundesverband
der Verbraucherzentralen stößt
ins gleiche Horn. „
Wir sind nicht der Meinung,
dass nach dem Gießkannenprinzip anzureichern
ist“,
sagt Angelika Michel-Drees, Ernährungsexpertin
beim Bundesverband.
Sie sieht die Gynäkologen in der Pflicht. „
Die kümmern sich oft nicht und klären die jungen Frauen nicht über Folsäure
und die Möglichkeiten auf,
wie man seinen Bedarf decken kann.“
„
Die Gynäkologen sind sich des Problems nicht bewusst“,
stimmt Heiner Boeing
vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung
in Potsdam zu.
Trotzdem findet er das Plädoyer
der DGE
für die Folsäure
im Mehl „
relativ weise“ –
vorausgesetzt,
in anderen Lebensmitteln wird die Anreicherung gestoppt.
Zudem müsse das Ganze wissenschaftlich begleitet und überprüft
werden.
Dafür hat sich auch die DGE
ausgesprochen.
Vorerst aber bleibt alles beim Alten.
Manchmal beschleiche
sie eine „
stille Verzweiflung“,
sagt die Ernährungsexpertin Przyrembel. „
Weil sich nichts tut.“
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