OUK das Zwanzigste ± gelenkig & ergreifend ± Aug/Sep 99 Stories from the Webside continued

Simon Jarosch (Simon V / Santorin) im Gespräch mit Dragan Espen-schied (Drax / Bodenständig 2000) über das aktuelle Web-Geschehen.

Rewind. ouk 018. Als ich Dragan fragte, ob er die Seiten, die ich dort nannte, schon kannte, ergab sich eine nette Diskussion, die ich nicht weiter geheimhalten möchte. Ich muß zugeben, daß ich bei meiner www-Auswahl in der letzen Ausgabe, etwas viel über den Teich geschaut hatte. In Europa gibt es viele gute Webdesigner, die leider noch nicht so bekannt sind.

www.alistapart.com

Drax: Aha, typisch Zeldman. Sieht solide aus, wie www.webstandards.org oder seine eigene Domäne. Die Schrift Serpentine extrablast-bold hat bei uns schon der Udo-Jürgens auf dem Plakat für seine Tour "Udo 2000" verwendet, und sogar das Nähmaschinen-Fachgeschäft hier auf dem Dorf.

Simon: Die Listapart Artikel sind sehr gut, da kann man teilweise wirklich noch was lernen als angehender Webdesigner.

www.christopher.org

Drax: Das sieht ganz originell aus. Ungeschickt, daß die Textspalten und Schriftgrößen auf feste Pixelgrößen eingestellt sind, weil das macht vieles auf meiner SGI am Arbeitsplatz unleserlich. Ansonsten "fancy" und schick. Der Typ macht ansonsten sicher Macromedia Director-CDROMs für Waffenhändler.

Simon: Da bin ich mir ziemlich sicher ...

www.donbarnett.com

Drax: Sehr originell. Da gibt es sehr schöne Grafiken und auch einige außergewöhnlich gestaltete Projekte mit angenehm infantilem Anklang. Ein guter Zeichner. Das ist in der Tat ein Hingucker, den man nicht so schnell vergißt.

www.famewhore.com

Drax: Die Frakturschrift ist gut. Aber wer braucht bitte diese "Welcome to irgendwas"-Startseiten, bei denen man bloß aufs Logo klicken kann? Eigentlich nur der Designer, weil der muß seine ganzen schicken Grafiken irgendwo hinstecken.

Simon: Das ist ja die Splash-Seite, das Konzept geht auf David Siegel (www.killersites.com) zurück wenn ich mich richtig erinnere. Der hat damit angefangen, daß man Webseiten wie ein Haus gestalten muß, erst die Tür, dann das Wohnzimmer.

Drax: Ziemlich komische Vorstellung. Die Leute werden nicht müde, diese schrecklichen Raum-Metaphern zu verwenden. Ich hab den Lev Manovich nach seinem Vortrag "Computer Space" an der Merz Akademie mal gefragt, warum um alles in der Welt denn jede Kleinigkeit ein Raum sein müßte. Man kann "Ich lese ein Buch" oder "ich bewege mich durch einen multidimensionalen Informationsraum" sagen, und genau das selbe meinen. Aber darüber hatte er sich leider noch keine Gedanken gemacht. Ich glaube, das hat was mit dem Begriff Cyberspace zu tun. Da steht halt Space drin.

www.fray.com

Drax: Grausiges Indie-Rock-Design und Umblätter-Interfaces! Teilweise nette Ideen mit Frames. Naja. Immerhin steckt viel Liebe in den Grafiken.

Simon: Gut, aber bei Fray sollte man nicht vergessen, daß die erzählten Geschichten teilweise wirklich klasse sind. Da macht der Inhalt einfach was her.

www.gabocorp.com

Drax: Totale Scheiße. Immerhin, jetzt ist Gabocorp besser als früher, weil scheinbar gerade umgebaut wird und nur eine Platzhalter-Animation läuft. Die alte Seite war schrecklich, sie bestand nur aus aufwendigen Übergägen zwischen Textseiten, auf denen nur stand, was auch auf dem Startbildschirm zu lesen war. Das sind echt ganz blöde Designer. Die würden auch ein Redesign der CDU-Homepage machen. Gabocorp ist schon fast die Manifestation der grundsätzlichen Vorwürfe, die man an Grafik-Design stellen kann.

Simon: Also ich bin ja der Meinung, das Gabocorp ist ein Fake von Macromedia ist, um den Verkauf ihres Produktes Flash anzukurbeln. Schließlich hat man von dieser besagten Firma noch nie eine Kundenliste gesehen, geschweige denn andere Referenzseiten.

www.glassdog.com

Drax: Eine nette Startseite, immerhin. Das herumrutschende Menü ist toll, ich frage mich, warum das sonst keiner macht. Im Internet gestalten Amerikaner besser als auf Papier, weil sie da nicht so viele Schriften haben. In den Texten werden teilweise recht viele Worte verloren. Aber das ist ein altes Designer-Problem. Die möchten gerne sehen, wie schön der Text die Spalten ausfüllt und schreiben dann hie&da ein Wörtchen mehr.

www.lynda.com

Drax: Cool. Gegen Lynda kann man schwerlich was sagen.

Simon: Ja, mir gefällt besonders die Farbwahl, einfach klasse wie sie ihre Farbwerte rechts unten angibt, damit sie jeder wiederverwenden kann.

www.nerve.com

Drax: Geht mir auf die Nerven. Ungefähr genauso überladen wie fast jede andere Zeitung im Web auch. Eine Portal-Site-Imitation mit möglichst allem auf der Titelseite ... Naja. Immerhin, sehr barocke Icons. Aber die kriegen halt auch Geld, die Grafiker.

Simon: Du machst da etwas grundlegend falsch. Du sollst Dir nicht den HTML-Code ansehen, sondern die schönen Mädchen, das ist doch klar! Gibt jetzt ja auch www.nerve.de, damit es noch schneller geht.

www.powazek.com

Drax: Da steht ja gar nichts drauf! "SF-Stories" von ihm wäre ganz hübsch, wären nicht die Scrollbalken mitten in den Grafiken.

Simon: Powazek sein persönliches Web-Tagebuch ist schon eine Sache für sich, anderen gefällts, das ist die Hauptsache.

www.shift.jp.org

Drax: Nett anzusehende Startgrafik, ich stehe total auf diesen Verzerrungsträsch. Weiterhin gibt's dort scheinbar nur derart viel Weiß, daß es einem die Augäpfel an die Schädelinnenseite blastet. Das willenlose Weiß wird wohl so häufig verwendet, weils wie Papier aussieht und die Standard-Einstellung in beinahe jedem Editor ist. ... aber originelle Gif-Animationen allerorts.

www.unamerican.com

Drax: Was issen das? "My name is !!!srini, and I built this site and everything on it. This isn't some marketing wing for the Revolutionary Socialists or anything like that - just a guy with a Mac in a crowded San Francisco apartment." Toll Srini! "We, the kids, ARE the media." Das ist wohl so ein Wohlstandspunk. Was soll's, ist halt amerikanische Politik oder irgendwas in der Richtung. Bei der alten Seite von Chance2000 konnte man sehen, wie richtige Assis mit dem Internet schaffen.

Simon: Die "Fuck Work" Aufkleber fand ich aber toll. Sagmal, Chance 2000, wer war denn das?

Drax: Das war die Arbeitslosen-, Penner- und Sonstige-Randgruppen-Partei vom Christoph
Schlingensief. Unter anderem betrieb dieser Verein eine bemerkenswerte Website. Alles an dem "Design" war echt, das war kein "guy with a mac", sondern richtige Aktivisten, denen es hauptsächlich um den Inhalt ging. Komplett willenloser Netscape-Editor-Träsch mit viel Geblinke und immer wieder persönlichen Kommentaren der Webmaster zwischenreingeschrieben. Ganz klasse.

www.webbyawards.com

Drax: Argl! Laßt doch die Mädchen nicht immer mit dem Macromedia Dreamweaver spielen!

Simon: Tja, das kommt dabei raus, WYSIWYG gabs auf den Web eh noch nie.


Das Fazit:

Drax: Diese WWW-Sites stammen alle von angesehen Profis, Viele sind im klassischen Papiersinne schön, laden schnell, sind technisch perfekt. Dennoch nerven sie.
Genau das "emotionale" wie Du es nanntest (Anmerkung: vorhergehende Diskussion) geht bei mir nach hinten los, denn an barockem Design-Schnickschnack bin ich ziemlich satt. Etwas wird nicht besser, nur weil es in einem Browserfenster drin ist. Damit etwas im Browserfenster gut ist, muß es etwas sein, das es nicht auf Papier gibt. Und damit meine ich nicht nur die Optik.
Die ganzen vorstehend genannten Designer sehen sich scheinbar nur als Leute, die etwas "schön" zum Anschauen machen und was dann drinsteht ist egal. Sieht man auch an dem Wettbewerb auf www.alistapart.com: Grafik, schnelles Laden, einfaches Interface, das wird prämiert. Aber gestaltet ein Designer nur Rahmen oder Übergänge zwischen verschiedenen Texten?
Sicherlich ist es erstrebenswert, die Dinge auch schön zu machen, damit man nicht das Wegrennen bekommt. Schade ist meiner Ansicht nach jedoch, daß es bereits auszureichen scheint, etwas äußerlich anprechendes zu produzieren, um allgemeine Hörigkeit zu ernten. Es wäre nichts gegen Leute wie den Herrn Siegel einzuwenden, würden er und seine Nachfolger nicht behaupten, eine "Killersite" wäre bereits eine, wenn sie auf eine bestimmte Art grafisch aufgemacht ist.
Die Leistung eines Gestalters heute und gerade im WWW oder sonstigen Netzen muß es sein, das Medium zu blasten. Die schöne Grafik kommt zum Schluß. Man kann im Netz seine eigenen Platten vertickern oder ein Betriebssystem mit hunderten anderen Leuten entwickeln, Copyrights aushebeln und was weiß ich noch. Aber gemacht wird "Klicken Sie hier!" -- "Webdesign" wird dabei schnell zum Handlanger von Webshops oder ähnlich langweiligem Kram, der davon ausgeht, daß beim Drüberrollen blinkende Links bereits Interaktion darstellen. -- Aber Gestaltung kann und sollte Dinge transparent machen, eine Handlung ermöglichen, verschiedenartige Zugänge zu einem Inhalt bieten ... schließlich wird ein Teil des Netzes gestaltet, und kein DIN-A4-Blatt.


Hier noch Webdesign, das ich trotzdem gut finde:

www.parkverbot.org

Die Kaffeefahrt und instant sind meine Favoriten.

www.heise.de/tp

Die einzige mir bekannte Zeitung im WWW mit einer Gliederung, die mir gefällt. Und der Hintergrund ist auch noch grau! Hammerhart ...

www.assoziations-blaster.de

Es sind runde Ecken, aber es ist auch Interaktion.

www.c3.hu/collection/form

Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare.

Ich hoffe das war nicht schon wieder zu lang. Aber selber schuld, wenn Du mich sowas fraxt. Sag mir doch mal, wie Du Deine eigene Homepage (vivid.kosmic.org) siehst. Auf welchen Ebenen funktioniert sie? Ich kann von mir sagen, daß sie bereits emotional wirkt, aber ich bin auch ein Computer-Idiot. ;-)

Simon: Gut, das driftet jetzt tief ins Private ab ...


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