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"Internet wird eben als Konsum-Medium angesehen"
Interview mit Alvar Freude und Dragan Espenschied
von Marko Schacher
Seit ihren Web-Projekten "Assoziationsblaster" und "Bodenständig"
sind Dragan Espenschied und Alvar Freude in der Stuttgarter Kreativen-Szene
längst keine Unbekannten mehr. Vor kurzem wurden die beiden ehemaligen
Merz-Akademie-Studenten für ihre Diplomarbeit "insert_coin"
mit dem SWR-Medienkunstpreis in der Sparte "Interaktiv" belohnt.
Marko Schacher hat die beiden Internet-Freaks zum Interview getroffen

Dass es so einfach wäre, den Web-Datenverkehr an der Merz Akademie
und damit 250 Personen zu kontrollieren, hatten Dragan Espenschied und
Alvar Freude zunächst nicht gedacht. Mit einer selbst entwickelten
Filter-Software konnten beide die auf den hauseigenen Monitoren angezeigten
Web-Inhalte und E-Mails nach Belieben verändern. Munter tauschen
sie "Stoiber" gegen "Strauss" und "Kohl"
gegen "Schröder" aus, verlinkten die Netscape-Startseite
mit einer Porno-Site und leiteten alle "Spiegel"-Leser zu "Focus"
um. Aber niemand bemerkte es. Und vor allem: Niemand regte sich darüber
auf. Doch lesen Sie selbst:
Erstmal Herzlichen Glückwunsch zum "Internationalen
Medienkunstpreis" in der Sparte "Interaktiv". Wie sahen
die Presse-Reaktionen aus?
Espenschied: In "Telepolis" wurde unsere Arbeit innerhalb einer
Berichterstattung über die Medienkunstpreis-Verleihung als "Studentenstreich"
bezeichnet, da waren wir doch etwas eingeschnappt.
Freude: Der Journalist mochte offensichtlich die Veranstaltung, den Rahmen,
in der die Medienkunst präsentiert wurde, nicht, hat sich unsere
Arbeit aber auch überhaupt nicht angeschaut, sondern nur die Präsentation
gesehen und dachte offenbar, das sei alles nur ein Fake, so interessante
Manipulationen könne man automatisch ja gar nicht vornehmen.
Wie habt ihr euch bei der Preisverleihung im Karlsruher
ZKM gefühlt? Die Veranstaltung kam im Fernsehen sehr "steif"
rüber...
Espenschied: Die Verleihung war schon okay. Schade, dass wir nur vier
Minuten zum Präsentieren hatten. Insgesamt ist die Präsentation
ganz gut angekommen. Wir haben ja ein paar Witzchen reingebaut und zum
Beispiel bei den Reise-Seiten unter www.zeit.de "Athen" gegen
"Kabul" ausgetauscht, wodurch sich die Schlagzeile "Kabul
wie es singt und kracht" ergab. Eine Rede von Stoiber haben wir so
verändert, dass der viel Nazi-Zeug schwafelt. Zuerst hatten wir da
Bedenken, dann dachte wir "Ach was, wir müssen ja auch irgendwie
einen bleibenden Eindruck hinterlassen".
Freude: Bei der Fernsehausstrahlung haben die verantwortlichen TV-Redakteure
unsere Präsentation der Arbeit leider vollständig rausgestrichen.
Vor Ort haben wir ein paar Beispiele unserer Filter gezeigt und auch ein
paar Worte mit Markus Brock gewechselt. Wahrscheinlich hatten die Kameramänner
aber Probleme, unsere Präsentation technisch rüberzubringen.
Wir haben ja mit Notebook und per Videobeamer präsentiert. Im Fernsehen
hätte man die Beispiele wohl nicht lesen können.

In eurer Dankesrede, die über TV ging, habt ihr lediglich
eurer Professorin Olia Lialina gedankt...
Freude: Die Dankesrede haben sie auch gekürzt, wohl weil die ziemlich
holprig war.
Wie waren die Reaktionen der eingeladenen Gäste auf
euer Projekt vor Ort, bei der Preisverleihung im Karlsruher ZKM?
Espenschied: Nur positiv. Es hat - glaube ich - niemand zu verbissen
aufgefaßt. Es hat uns niemand vorgeworfen, das wir eine "Schweinerei"
gemacht hätten.
Freude: Die meisten haben verstanden, dass es ein Experiment war, um
herauszufinden, wie die Leute reagieren, und es eben auch entlarvend sein
sollte. Ich glaube nicht, dass jemand auf uns jetzt böse ist. Dagegen
mögen jetzt viele denken "Um Gotteswillen, es ist ja schlimm,
was man mit so einem Server alles anstellen kann"
Während de Projekts gab es von Seiten der Merz-Akademie-Studenten
kaum Reaktionen. Geht denn jetzt - nach der öffentlichen Preisverleihung
- ein Aufschrei durch die Merz Akademie?
Freude: Von der Merz Akademie schaut definitiv kaum jemand auf die Seiten.
Ich bin mir sicher, dass sich auch der Direktor bisher nicht die Seiten
angeschaut hat. In den Log-Files sind nur sehr wenige Zugriffe von der
Merz Akademie. Wir waren aber schon immer die Exoten an der Merz Akademie.
Seit Olia Lialina hier ist, ist sie auch eine Exotin. Ab da waren wir
die Exoten im Exoten-Kurs.
Inwieweit war Olia Lialina an eurem Projekt beteiligt?
Espenschied: Olia hat vor allem die Verantwortung getragen. Was wir da
gemacht haben, war ja schon brisant. Olia war die einzige, die informiert
war.
Freude: Wobei die Werkstatt-Leute jetzt trotzdem alles mir in die Schuhe
schieben.
Espenschied: Olia hat uns ermutigt, das Projekt durchzuführen. Wir
haben ja hauptsächlich nachts gearbeitet, damit das niemand merkt.
Irgendwann haben wir den Kontakt mit der Außenwelt fast vollkommen
verloren und nur noch unsere Log-Files und Statistiken angschaut. Da ist
es schon wichtig, dass mal jemand kommt, und dir Tipps gibt.
Hattet ihr während des Projekts nie rechtliche Bedenken?
Freude: Klar, die haben wir halt runtergeschluckt. Wir haben aber ganz
bewußt nur Akademie intern gefiltert und nicht in Sachen, die verschlüsselt
waren, eingegriffen. Natürlich wären in der Lage gewesen, herauszufinden,
wer sich welche Websites anschaut. Anhand der Urzeiten wissen wir auch,
wer um welche Urzeit abends noch an der Akademie ist. Zu unserem Entsetzen
ist ja fast überhaupt keine Porno-Seite angeschaut worden.
Wer kaum auf die Idee, den Merz-Akademie-Server im Rahmen
einer Diplomarbeit zu manipulieren?
Freude: Die Idee ist uns mal mehr oder weniger zufällig beim Essen
gekommen. Ich weiß gar nicht mehr, von wem sie ursprünglich
ausging. Das hat sich irgendwie so hoch geschaukelt.
Espenschied: Wir waren immer schon von Text besessen. Weil der Computer
mit Text, der ja auf klar definierten Symbolen basiert, am besten umgehen
kann. Die Suchmaschinen, Archive und Protokolle funktionieren ja alle
mit Text. Eigentlich haben all unsere Projekte immer etwas mit Text zu
tun, mit dem Speichern und Indizieren von Wörtern.

Habt ihr mit dem Preis gerechnet?
Espenschied: Eigentlich ist unsere Arbeit doch eher ungewöhnlich
für die Sparte "Interaktiv" des SWR-Medienkunstpreises.
Wenn es um interaktive Arbeiten geht, sind das doch meist interaktive
Filme, wo du mit der Maus über ein Bild fährst und suchst, wo
man drauf klicken kann. Die Medienkunst kommt ja ganz stark aus dem Videobereich.
Freude: Die Leute sind visuelle Arbeiten gewohnt. Unsere Arbeit ist ja
letztendlich eine sehr theoretische, gesellschafts-politische Arbeit.
Da tun sich die Leute, die normalerweise Medienkunst behandeln, schwer
damit. Schon die SWR-Leute hatten ja Schwierigkeiten, unsere Arbeit, in
Bilder umzusetzen. Wenn wir unsere Arbeit nicht gekannt hätten, hätten
wir aufgrund des TV-Beitrags nichts geschnallt. Die haben eher über
die Entwicklung des Internets und über Computer-Viren geschwafelt,
als über unser Projekt.
Umso überraschter müßtet ihr sein, den
"Medienkunstkunstpreis" erhalten zu haben.
Espenschied: Die Preise haben ja andere Leute vergeben.
Freude: Dieselbe Arbeit hatten wir mit dem nahezu gleichen Text beim
diesjährigen Prix Ars Electronica eingereicht und zwar in der Kategorie
"Aktivismus". Der Experte der Vor-Jury hat allerdings nur einmal
auf die Startseite geschaut, das war alles. Das ist natürlich enttäuschend,
wenn sich die Leute nicht die Zeit nehmen, die Arbeiten zu beurteilen.
Beim Prix Ars Electronica solltest du eben schon einen Namen haben und
mit optisch attraktivem Material aufwarten können, sonst hast Du
keine Chance. Beim SWR hatten wir da Glück, dass der Friedrich Kittler,
Professor für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Uni
in Berlin, in der Jury war, und der sich für das Projekt interessiert
hat.
Sehr ihr selbst "Insert_coin" denn als Medienkunst?
Sehr visuell ist euer Projekt ja nicht.
Freude: Kunst muß ja nicht immer eine visuelle Geschichte sein.
Schließlich gibt es ja auch Konzept-Kunst. Ich denke, das unsere
Arbeiten schon künstlerische Elemente enthalten.
Espenschied: "insert_coin" kann auch als eine Art "elektronische
Performance" gesehen werden. Wir haben ja auf die Reakionen und Gewohnheiten
der User reagiert. Die Ideen, die wir reinprojeziert haben, reagieren
ja teils überspitzt auf Geschichten, die tatsächlich passiert
sind, zum Beispiel auf die CDU-Aktion "Netz gegen rechts". Wir
haben das Projekt aber nicht mit der Intention gemacht, jetzt Künstler
sein zu wollen.
Freude: "Kunst" ist ein Begriff, da können sich 1000 Leute
darüber streiten und 2000 andere Meinungen haben. Mir selbst gefallen
jedenfalls Kunstwerke, die eine politische oder gesellschaftliche Aussage
haben, wie zum Beispiel diese Arbeit "Der deutschen Bevölkerung"
von Hans Haacke, die ja in Berlin wahre Grabenkämpfe ausgelöst
hat.
Espenschied: Ich fand die "Vote Auction"-Aktion klasse. Da
wurde tatsächlich diskutiert, da ist was passiert. Sobald die Kunst
eine tatsächliche Auswirkung hat, wird sie für mich interessant.
Wenn im Medienkunstbereich Fakes gebaut werden, die zwar interessant aussehen,
aber nicht funktionieren, finde ich das langweilig. In der ZKM-Ausstellung
"Net Condition" wurde zum Beispiel ein System präsentiert,
das angeblich Videokonferenzen abcheckt und die Gesichter nach Algorhythmen
in die Sparten "Schön" und "Häßlich"
einteilt. Als Idee fand ich das super. Du hast aber halt auch sofort gesehen,
dass das mit einem Multimediaprogramm zusammengeklickt wurde. Wenn das
wirklich funktioniert hätte, hätte das eine Brisanz gehabt.
So aber war es ein flimmernder, blöd herumstehender, belangloser
Kasten.
Freude: Ich finde es wichtig, dass die Werke nicht nur für ein Fachpublikum
interessant sind. Es gibt ja tausende von Sachen, die kann man gar nicht
verstehen, wenn man in der Thematik nicht drin ist.
Espenschied: Mit "insert_coin" haben wir versucht, ein gewisses
Expertenwissen so rüberzubringen, dass jeder etwas damit anfangen
kann. Gerade im Netz-Bereich gibt es ja diese Hacker-Kultur, die sehr
elitär und arrogant ist. Wenn man da etwas nicht versteht und nachfragt,
wird man angeschissen. Wir selbst haben uns bei unseren "insert_coin"-Seiten
viel Mühe gegeben.
Ja, ja, die "Unmündigkeit des Users" beschäftigt
euch schon seit Jahren...
Freude: Viele User sagen halt "Beim Auto weiß ich ja auch
nicht, wie der Motor funktioniert". Das ist auch richtig. Fürs
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