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Stefan Höltgen 11.10.2008

Der Computer im Film Teil 2: Der Geist in der Maschine

Computer spielen im Film zumeist eine Nebenrolle. Dort, wo ihnen die Hauptrolle zugewiesen wird, erfahren wir viel über unsere Visionen und Ängste im Zeitalter der Mikroelektronik. In einer mehrteiligen Textreihe werden Filme der 1970er bis 1990er Jahre darauf hin betrachtet, wie Computer in ihnen dargestellt werden. Dieser zweite Teil befasst sich mit den Geistern, die in den Filmcomputern hausen.

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Dark Star

Die Filmcomputer, die im [local] ersten Teil der Reihe vorgestellt wurden, hatten eines bereits gemein: Sie besaßen Verstand in dem Maße, dass sie unabhängig vom Willen ihrer Programmierer oder Besitzer Entscheidungen über sich und ihre Umwelt gefällt haben. Dies zählt zu den Fähigkeiten, die einem Wesen mit Bewusstsein zugesprochen werden und ist Grundlage für die moralische Bewertung seiner Handlung. Zumindest die Justiz spricht ausschließlich Menschen diese Fähigkeit zu, nach eigenem Willen gut oder schlecht zu handeln. Dass dieses Vermögen im Film auf den Computer ausgedehnt wird, macht das Erzählpotenzial der Werke aus und geht auf eine lange Diskussion zurück.


Der Mythos der Denkmaschine

Seit ihren Anfängen beschäftigt sich die Kybernetik (die Wissenschaft komplexer Systeme) mit der Frage, ob es Maschinen geben kann, die "denken". In der Literaturgeschichte tauchen Erzählungen von beseelten Automaten zuhauf in der Romantik auf und es folgt einer gewissen kulturhistorischen Logik, dass das Zeitalter der Industrialisierung immer mehr dieser Alptraum-Visionen wahr gemacht hat. Der Computer, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach und nach in alle Lebensbereiche drängt, scheint die Apotheose dieser Vision zu sein. Die Möglichkeiten des "Elektronengehirns", bestimmte Fähigkeiten des Menschen (vor allem seines Denkens) zu automatisieren, haben in der Science Fiction bald das Motiv des intelligenten Computers auftauchen lassen.

Mortimer Taube, ein US-amerikanischer Bibliothekar und Kybernetiker, hat sich Anfang der 1960er Jahre in seinem Werk Computers and Common Sense, the Myth of Thinking Machines mit der Frage auseinander gesetzt, ob das, was Maschinen machen, überhaupt mit der menschlichen Leistung des Denkens vergleichbar ist. Er gelangt zu der Erkenntnis, dass Maschinen das Gehirn weder strukturell (aufgrund der fundamentalen Unterschiedlichkeit von Maschine und Gehirn) noch funktionell (aufgrund des mangelhaften Wissen, wie ein Gehirn funktioniert) zu simulieren in der Lage sind, ja, dass es überhaupt fraglich sei, ob eine Maschine wie ein Mensch denken könne:


Die Funktion des Gehirns durch eine Maschine zu simulieren, das heißt, eine Maschine zu bauen, die Informationen verarbeitet, um die Erhaltung eines biologischen Organismus sicherzustellen, von dem sie selbst integraler Bestandteil ist, ganz abgesehen von der Gattung, zu dem der biologische Organismus gehört. Solange nicht jemand ganz spezielle Vorstellungen darüber hat, wie man eine Maschine dieses Typs bauen kann, erscheint es ratsam, das Thema der mechanischen Simulation des menschlichen Gehirns ganz fallen zu lassen.
Mortimer Taube

Das Denken lässt sich also nicht auf das Gehirn reduzieren, es ist eine Funktion des gesamten biologischen Systems Mensch. Nur in der Kunst können Maschinen denken und allein dadurch wie Menschen sein.


Ich habe Angst, Dave!

2010 – The Year we made Contact

Die Diskussion um Denkmaschinen wurde bereits ab den 1950er Jahren im Science-Fiction-Film aufgegriffen, seinen ersten Höhepunkt findet das Motiv aber erst ab Mitte der 60er-Jahren durch TV-Serien wie "Star Trek" und Filmerfolge wie "Billion Dollar Brain" (1967), Godards "Alphaville"(1965) oder George Lucas' "THX 1138 EB" (1967). Eine der verblüffendsten Adaptionen fand das Motiv 1968 in Arthur C. Clarkes Roman und Stanley Kubricks gleichnamigem Film "2001 – A Space Odyssey". Darin wird unter anderem die Geschichte des Computers HAL 9000 erzählt, der einen bemannten Raumflug zum Jupiter begleitet.

HAL gilt als das ausgereifteste Elektronengehirn seiner Zeit und ist sich über seine Unfehlbarkeit durchaus bewusst. Mit leichter Arroganz kontert er Fragen über seine Fähigkeiten und streitet einen tatsächlich von ihm begangenen Fehler vehement ab. Die Tatsache aber, dass sein Unfehlbarkeits-Bewusstsein auf einen tatsächlichen Fehler trifft, führt seine menschlichen Begleiter zu der Überzeugung, dass man seiner Funktionalität nicht mehr trauen kann und er – zumindest seine höheren "Gehirnfunktionen" – abgeschaltet werden müsse.

2010 – The Year we made Contact

HAL, der im gesamten Raumschiff Kameraaugen hat, gelingt es, diesen Plan zu "durchschauen" und er entschließt, die menschliche Besatzung des Schiffes umzubringen, um die Jupiter-Mission im Alleingang abzuschließen. In dem Moment, wo es Dave Bowman, dem letzten lebenden Astronauten gelingt, HALs Mord-Plänen zu entgehen, entfaltet sich das ganze dramatische Potenzial dieses vergeistigten Computers: Er versucht Dave zu überreden, versichert ihm, dass es ihm "schon besser gehe" und rät ihm, eine Beruhigungstablette zu schlucken und sich die Sache noch einmal zu überlegen. Dave lässt sich jedoch nicht beirren, betritt das "Logic Memory Center" und beginnt nach und nach alle Module für die höheren Funktionen von HAL zu deaktivieren, indes HAL ihm mitteilt, er habe Angst. Der Verlust der geistigen Fähigkeiten geht einher mit dem Verlust von Sprachvermögen.

Sprechen war im Computerfilm (vgl. "Electric Dreams") immer schon ein Indiz für Intelligenz und so steht das Stummstellen HALs für dessen Unschädlichmachung. Interessant ist hier, dass sich Kubrick auf ein Werk der frühen Computerkunst beruft: HALs letzter Ausdruck von Sprachfähigkeit ist das Absingen eines ihm beigebrachten Kinderliedes – es handelt sich dabei um das Lied [extern] Daisy Bell, das erste von einem Computer gesungene Lied überhaupt.


Die Phänomenologie des Geistes

Dark Star

Kubrick und Clarke gehen das Thema der Denkmaschine mit für den damaligen Science-Fiction-Film erstaunlicher Ernsthaftigkeit an. Den Computer HAL unterwerfen sie einem moralischen Dilemma und messen ihn bzw. seine Menschlichkeit daran. Sechs Jahre später machte sich der US-amerikanische Regisseur John Carpenter in seinem Debüt-Film "Dark Star" über genau diese Ernsthaftigkeit lustig und persiflierte Clarkes/Kubricks Computer-Vision.

An Bord des Raumschiffs "Dark Star" gibt es gleich mehrere Computer, die mit Denkfähigkeiten ausgestattet sind: Zum einen sind das die Bomben, die zum Sprengen instabiler Planeten abgeschossen werden, denn die "Dark Star" ist im Weltraum unterwegs, um fremde Sonnensysteme für die Kolonialisierung durch den Menschen urbar zu machen. Die Bomben sollen sich weitgehend autonom verhalten und sind mit Sprachfähigkeit ausgestattet, um mit der Besatzung des Schiffs zu kommunizieren.

Der andere Computer an Bord der "Dark Star" ist der Schiffscomputer, der ebenfalls spricht – allerdings mit der Stimme einer Frau. Diese teilt den Astronauten mit lakonischem Tonfall mit, wer Aufräumdienst hat, wo die jüngste der zahlreich auftretenden Fehlfunktionen zu suchen ist und wenn der Besatzung der sichere Untergang droht.

Dark Star

Ein "Computer-Problem" entsteht, als durch Beschädigung einer elektronischen Kommunikationseinheit eine der Bomben das Signal erhält, aus dem Bombenschacht zu fahren und sich scharf zu machen. Zunächst kann der Schiffscomputer den renitenten Sprengkörper noch davon überzeugen, dass er ein falsches Signal erhalten hat und ihn zurückordern. Als der Fehler jedoch ein weiteres Mal auftritt, glaubt die Bombe nicht mehr an einen Zufall. Sie zweifelt nun nicht mehr die Richtigkeit des Signals an, sondern dessen Fehlerhaftigkeit.

Einer der Astronauten sieht den letzten Ausweg darin, mit der Bombe über Phänomenologie zu [extern] diskutieren. Denn wenn sie über ein Bewusstsein verfügt, so muss es möglich sein, in ihr den Descartes'schen Zweifel zu säen: Woher weiß sie denn überhaupt, dass es eine Außenwelt gibt, von der sie Signale empfängt? Ist ihre Existenz nicht sinnlos, wenn sie aufgrund der Verführung durch einen "ingenius malignus" (wie Descartes den bösen Geist, der unsere Sinne verwirrt, nennt) zu früh detoniert?

Der Computer in der Bombe ist der rationalistischen Philosophie allerdings um ein paar Jahrhunderte Voraus und hat den linguistic turn bereits vollzogen: In einem finalen "deklarativen Sprechakt" (Searle) erklärt sie sich selbst zur Wahrheitsinstanz und explodiert mit den Worten: [extern] Es werde Licht!


Werde ich träumen?

Mit dem weiblichen Computer nimmt Carpenter einerseits den ebenfalls recht verschlagenen Schiffscomputer "Mother" aus dem fünf Jahre später gedrehten Film "Alien" von Ridley Scott vorweg, andererseits wird das Konzept 1984 von Peter Hyames in der "2001"-Fortsetzung "2010 – The Year we made Contact" wieder aufgegriffen.

Dort unterhält sich zu Beginn der HAL-Entwickler Dr. Chandra mit SAL 9000, dem Pendant des Supercomputers, über einen Versuch, den der Wissenschaftler anstellen will: SALs höhere Gehirnfunktionen sollen deaktiviert und dann wieder aktiviert werden, damit Chandra sehen kann, ob der Computer danach ähnlich einem narkotisierten Menschen noch einwandfrei [extern] funktioniert. Da SAL wie schon zuvor HAL emotionale Zustände haben (oder simulieren) kann, ist sie sich unsicher, was mit ihr geschehen wird. Sie fragt: "Werde ich träumen?" und Chandra antwortet ihr wie selbstverständlich: "Natürlich, alle höheren Lebewesen träumen."

Die Anthropomorphisierung des Computers ist in "2010" noch weiter fortgeschritten. Die Rechner sind allgegenwärtig (überall im Film sind Laptops, Monitore und Tastaturen zu sehen) und die Diskussion darum, ob Leben auf Silikonbasis dieselben Rechte habe, wie Leben auf Kohlenstoffbasis, ist zumindest für Chandra geklärt.

2010 – The Year we made Contact

"2010" ist nur eine leidliche gute Fortsetzung von Kubricks Vorgängerfilm, weil er die meisten der intellektuellen