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Das Voynich-Manuskript: das Buch, das niemand lesen kann

Klaus Schmeh 08.10.2008

Seit fast 100 Jahren versuchen Experten und Hobby-Forscher, ein handgeschriebenes Buch zu enträtseln, das in einer unbekannten Schrift verfasst ist: das Voynich-Manuskript

Die zahlreichen Theorien, die sich um dieses bemerkenswerte Dokument ranken, sind widersprüchlich und reichen von plausibel bis abenteuerlich. Dieser Artikel unternimmt den Versuch, pseudowissenschaftliche von ernsthaften Erklärungsversuchen zu trennen.

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Die Fakten sind schnell erzählt. Das Voynich-Manuskript ist ein 246 Seiten starkes, handgeschriebenes Buch, das neben zahlreichen Bildern etwa 170 000 Schriftzeichen enthält. Das Besondere daran: Die verwendete Schrift ist gänzlich unbekannt und taucht nach heutigem Kenntnisstand nirgendwo sonst auf. Daher kann bisher niemand das Buch lesen. Das Alter der Schrift wird meist auf etwa 500 Jahre geschätzt, sofern es sich um keine Fälschung handelt. Leider lässt der jetzige Besitzer – die Beinecke-Bibliothek der US-Universität Yale –keine Altersbestimmung mit physikalischen oder chemischen Methoden zu.

Im botanischen Kapitel finden sich zahlreiche Pflanzendarstellungen (Bild vergrößern)

Die Existenz des Voynich-Manuskripts ist erst seit dem Jahr 1912 zweifelsfrei belegt. Damals will es der Buchhändler und -sammler Wilfried Voynich in einem italienischen Jesuiten-Kolleg aufgespürt haben. Nach ihm ist das Schriftstück benannt. Voynich versuchte über Jahre hinweg, das einzigartige Manuskript zu verkaufen, fand jedoch keinen Kunden, der seine Preisvorstellung akzeptierte. Nach seinem Tod im Jahr 1930 erbte Voynichs Frau das Manuskript, von der es über einen Händler schließlich an die Beinecke-Bibliothek überging.

Ein Namenseintrag auf der ersten Seite besagt, dass das Voynich-Manuskript im 17. Jahrhundert einem böhmischen Pharmazeuten namens Jacobus Sinapius gehörte. Weitere Informationen liefert ein Schreiben aus dem Jahr 1666, das laut Voynich dem Manuskript beilag. Dieses Schriftstück nennt einige weitere Vorbesitzer, die alle in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebten. Sollten das Buch und das Schreiben echt sein, dann muss das Voynich-Manuskript vor Beginn des 17. Jahrhunderts entstanden sein.

Einer der Vorbesitzer des Manuskripts machte – so berichtet das beiliegende Schreiben – sogar eine Aussage über den Urheber. Demnach wäre das unlesbare Buch ein Werk des englischen Mönchs und Universalgelehrten Roger Bacon (1214-1294). Würde das stimmen, dann wäre es eine Sensation, denn Roger Bacon, der manchmal auch als englischer Leonardo da Vinci bezeichnet wird, gilt für viele als bedeutendster Wissenschaftler des Mittelalters. Einen prominenteren Urheber könnte das Voynich-Manuskript kaum haben. Allerdings ist das besagte Schreiben – sofern es korrekt datiert ist – erst vier Jahrhunderte nach Bacon entstanden. Möglicherweise wollte der Vorbesitzer, der das Voynich-Manuskript Bacon zuschrieb, lediglich den Wert des Buchs erhöhen, indem er einen bedeutenden Urheber erfand.

Viel mehr Historisches ist über das Voynich-Manuskript nicht bekannt. Die einzige weitere Informationsquelle ist das Buch selbst, und da dieses bisher nicht entschlüsselt ist, bleiben fast alle wesentlichen Fragen unbeantwortet. Insbesondere ist unklar, wer das Buch geschrieben hat, wann es genau entstanden ist und was darin steht. Keine Frage: Das Voynich-Mauskript ist ein echtes Mysterium. Doch wenn Fakten fehlen, dann blühen häufig die Spekulationen. Es kommt daher nicht überraschend, dass sich um die rätselhafte Schrift zahlreiche Theorien ranken, die sich teilweise erheblich widersprechen und nicht selten äußerst spektakulär wirken.


Unlesbare Schrift, nichtssagende Bilder

Ein guter Einstiegspunkt für eine Voynich-Untersuchung ist zweifellos die Schrift des Manuskripts. Diese ist zwar nicht lesbar, wirkt aber andererseits auch nicht völlig fremdartig. Einige Buchstaben ähneln den uns bekannten des lateinischen Alphabets. Die Anzahl der verwendeten Buchstaben ist nicht eindeutig feststellbar, kommt jedoch der Zahl 26 nahe. Der Urheber des Manuskripts schrieb von links nach rechts (dies erkennt man daran, dass der Text linksbündig formatiert ist), wobei das Schriftbild und die Buchstabengröße aus Sicht eines Europäers nicht ungewöhnlich wirken. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Text keine Satzzeichen enthält, denn das ist bei alten Texten nicht außergewöhnlich. So ist auch für einen Laien schon vor Betrachtung der Bilder klar: Das Voynich-Manuskript stammt aus dem europäischen Kulturkreis.

Keine der Pflanzen aus dem Voynich-Manuskript konnte identifiziert werden (Bild vergrößern)

Offensichtlich ist zudem, dass der Urheber des Voynich-Manuskripts sehr sorgfältig vorging. So ist im gesamten Text keine einzige Korrektur zu erkennen. Die Schrift wirkt zudem flüssig und hinterlässt den Eindruck, dass der Schreiber in ihr geübt war. Leider ermöglicht es der Voynich-Text nicht, das Buch in Kapitel aufzuteilen, denn es gibt keine Überschriften.

Und was verrät ein erster Blick auf die Bilder? Etwa 220 der 246 Voynich-Seiten sind illustriert. Teilweise lassen sich die Seiten aufklappen, wodurch Bilder zum Vorschein kommen, die sich über mehrere Blätter erstrecken. Der Urheber zeichnete offensichtlich zuerst die Bilder und fügte anschließend auf den frei gebliebenen Stellen die Schrift hinzu. Da man die Abbildungen im Gegensatz zum Text in verschiedene Sektionen einteilen kann, lassen sich im Voynich-Manuskript sechs Kapitel unterscheiden:

* Botanisches Kapitel: Das erste Kapitel macht etwa die Hälfte des Manuskript-Umfangs aus. Auf jeder Seite ist großformatig eine Pflanze dargestellt.
* Astronomisches Kapitel: Dieses zweite Kapitel enthält ganzseitige, kreisförmige Diagramme mit Sonne, Mond und Sternen. Außerdem finden sich hier Darstellungen von Tierkreiszeichen.
* Balneologischen Kapitel: Hier sind hauptsächlich nackte Frauengestalten in Wannen dargestellt.
* Kosmologisches Kapitel: In diesem kurzen Kapitel sind kreisförmige, rosettenähnliche Darstellungen zu erkennen, die von umfangreichem Text begleitet werden.
* Pharmazeutisches Kapitel: Hier sind Pflanzen, Pflanzenteile und einige Gefäße abgebildet. Einige der Pflanzenbilder sind in einem ganzseitigen Format dargestellt und würden daher auch in das botanische Kapitel passen.
* Rezept-Kapitel: In diesem Kapitel findet sich Text, jedoch keine Bilder (abgesehen von Sternen am Seitenrand).

Da man den Text des Voynich-Manuskripts bisher nicht lesen kann, bieten die Bilder die wichtigsten Anhaltspunkte, um Schlüsse auf Inhalt, Alter und Autor zu ziehen. Hierbei fällt zunächst auf, dass sich die unterschiedlichen Illustrationen kaum einem gemeinsamen Thema zuordnen lassen. Das Voynich-Manuskript muss daher – falls es überhaupt einen sinnvollen Inhalt hat – eine Abhandlung zu unterschiedlichen Themen sein. Möglicherweise handelt es sich um ein Lehrbuch für Magier, Ärzte, Apotheker und Astrologen – die Übergänge zwischen diesen Berufsständen waren vor 500 Jahren noch fließend. Interessanterweise enthalten die Voynich-Abbildungen kaum aussagekräftige Symbole. Religiöse Motive sind ebenfalls nicht erkennbar. Das Voynich-Manuskript lässt sich daher weder einer bestimmten Denkschule noch einer Religion zuordnen. Eindeutig ist allenfalls, dass kein großer Künstler am Werk war, denn die zeichnerische Qualität der Bilder ist allenfalls mittelmäßig.

Auch sonst hat die Auswertung des Voynich-Bildmaterials trotz seines großen Umfangs bisher wenig Erhellendes gebracht. So geben beispielsweise die insgesamt 126 Pflanzen-Darstellungen, die teilweise eine ganze Seite ausfüllen, ausgesprochen wenig her. Kein einziges der abgebildeten Gewächse lässt sich eindeutig identifizieren. Einigermaßen sicher ist allenfalls, dass es sich dabei um Heilkräuter handelt. Ginge es um eine landwirtschaftliche Nutzung, dann müssten irgendwelche Früchte oder sonstige essbare Teile erkennbar sein. Ein aus rein wissenschaftlichem Interesse geschriebenes Pflanzenbuch erscheint in der vermuteten Entstehungszeit äußerst unwahrscheinlich.

Im astronomischen Kapitel sind Himmelskörper und Sternzeichen abgebildet (Bild vergrößern)

Immerhin lassen die Pflanzenbilder gewisse Rückschlüsse auf die Entstehungszeit zu. Die Darstellung der diversen Gewächse erscheint sachlich, naturgetreu (auch wenn es vermutlich kein Vorbild in der Natur gab) und auf eine leichte Erkennbarkeit ausgelegt. Solche Pflanzenbilder gab es in Europa erstmals im 14. Jahrhundert, ausgehend von der Schule von Salerno (dies war eine medizinische Schule in Italien). Daraus kann man schließen, dass das Manuskript nicht vor dem 14. Jahrhundert entstanden ist. Dies ist gleichzeitig ein weiteres Indiz dafür, dass Roger Bacon nicht der Autor des Voynich-Manuskripts war.

Eine weitergehende Bildanalyse veröffentlichte 1944 der Botaniker Hugh O'Neill[1] . Er wollte in zwei Pflanzendarstellungen (siehe Abbildungen) Sonnenblumen erkannt haben. Auch einige andere Pflanzen glaubte er identifiziert zu haben. Das Interessante daran: Sowohl die Sonnenblume als auch die anderen betreffenden Pflanzen breiteten sich erst nach der Entdeckung Amerikas in Europa aus. Dies hieße, dass das Voynich-Manuskript frühestens im späten 16. Jahrhundert entstanden sein kann. Allerdings muss man in den genannten Darstellungen nicht zwingend Sonnenblumen erkennen. Mit den anderen identifizierten Pflanzen verhält es sich ähnlich. O'Neills These ist also wie so vieles andere in diesem Zusammenhang nur Spekulation.

Kaum erhellender ist ein Blick auf die astronomische und die kosmologische Sektion. Zwar finden wir dort Darstellungen, in denen die heute noch bekannten Sternzeichen (Widder, Stier, Waage usw.) zu erkennen sind. Kaum eine andere Abbildung im Voynich-Manuskript ist so eindeutig. Leider hat dies bisher weder zur Lösung des Codes noch zu sonstigen Erkenntnissen geführt.

Mit den in der astronomischen Sektion abgebildeten Himmelskörpern verhält es sich wie mit den Pflanzen. Sie lassen sich nicht identifizieren und sind vermutlich nur Fantasiegebilde. Einige Voynich-Forscher glaubten, darin den Andromeda-Nebel oder die Plejaden (dies ist eine Gruppe von Sternen, die teilweise mit bloßem Auge zu sehen sind) zu erkennen, doch das ist wiederum nur Spekulation.

Wenig Verwertbares bieten schließlich auch die im Buch abgebildeten Menschen. Immerhin lassen die Frisuren und die Kleidung der abgebildeten Personen sowie die Art der Darstellungen eine Datierung zu. Demnach könnte das Manuskript zwischen 1450 und 1520 entstanden sein – vorausgesetzt, es ist keine Fälschung. In den meisten Fällen handelt es sich bei den abgebildeten Personen um nackte Frauen, die sich in großen, mit Wasser gefüllten Wannen aufhalten.