Marcus Hammerschmitt 12.10.2008
Man kann die Entwicklung in dieser Hinsicht als Stagnation, ja Regression deuten, aber ehrlich gesagt: Das rituelle Gestocher nach dem "Modernen" (als Fetisch verstanden) und manche Sackgassen der Modernität (zum Beispiel die
Konkrete Poesie) waren auch ungeheuer nervig. Und manchmal wächst ja in aufgelassenen Gärten unversehens etwas, was die Gärtner dort gar nicht geplant hatten, sucht sich selbst sein Grundwasser, seinen Standort, seine Nährstoffe, sein Biotop. So ein Gewächs ist die Dichterin Monika Rinck.
 |
|
Monika Rinck, 1969 in Zweibrücken geboren, Studium der Religionswissenschaft, der Geschichte und der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Bochum, Berlin und Yale. Bisher hauptsächlich drei Bücher - zwei Gedichtbände und ein Monstrum, das sich "Ah, das Love-Ding!" nennt. Dazu später mehr. Dichterin? Muss man immer gleich in die Vollen greifen? Würde "Schriftstellerin" nicht reichen? Das Problem ist, dass Monika Rinck einen Umgang mit der Sprache pflegt, der eine andere Berufsbezeichnung unmöglich macht. Sie hat zu wenig Abstand zum Material der Sprache, um keine Dichterin zu sein; selbst wenn sie Prosa schreibt, ist sie Dichterin und keine Erzählerin.
Die Nichtsnutzigkeit der Wörter
Ernsthaft mit Sprache arbeiten viele; entgegen der ewigen Feuilleton-Klage vom Ende der Poesie ist die deutschsprachige Dichtung derzeit ziemlich lebendig, selbst wenn das Publikum so klein bleibt wie eh und je. Nun gut, aber was macht nun ihre Modernität aus? Monika Rinck setzt mit großer Konsequenz auf ein seltenes Pferd. Es ist nicht die Flucht in die Formstrenge, einen überzeitlichen Klassizismus, der heute so modern zu sein behauptet wie vor hundert Jahren.
Es sind keine Gefühlseruptionen, die früher oder später beim Expressionismus landen, es ist kein Dada, keine math poetry, es sind keine Spielereien nach Art der Konkreten (obwohl - Einflüsse werden immer gern genommen). Monika Rinck setzt erstens auf die Fehlbarkeit der Sprache, auf die quälende, nie vollkommene Nichtsnutzigkeit der Wörter, und sie besteht darauf, dass nur in der Erforschung genau dieses Mangels die richtige Gestalt der verfehlten menschlichen Existenz aufscheint.
Zudem sollte man ernst nehmen, dass sie einmal Religionswissenschaft studiert hat. Nicht nur ist der Titel ihres Gedichtbands "zum fernbleiben der umarmung", der wie aus den Siebzigern herkommt, in Wirklichkeit eine Bibelreferenz. Sie gehört auch insgesamt zu einer Klasse von Religionswissenschaftlern, die sich weder in der kleinteiligen Korinthenkackerei verlieren noch den Religionen auf den Leim gehen, aber auch nicht zu weit von ihnen entfernt sind, um zu begreifen, wie die Religionen das menschliche Begehren formulieren. ("Begehren", ohnehin eines der Stichwörter von Frau Rinck.)
 |
|
Religionswissenschaftler tendieren zur Bildungsanstrengung. An der dauerhaften Beschäftigung mit dem Unverständlichen kann man dumm oder klug werden, Monika Rinck hat die zweite Option gewählt. Sie ist klug, aber nicht nach Art eines Bildungshubers, der das vor Publikum immer beweisen muss. Was sie mit leichter Hand an Spezialwissen in ihren Texten verteilt, hat nicht den Zweck, ihre Souveränität zu beweisen, sondern das Gegenteil.
Wie alle wirklichen Modernen ist sie auch nervös. Man muss nur hören, wie sie davon spricht, dass ihre beruflichen oder privaten Reisen sie gar allzu sehr auflockern können, dass die Welt sie zu sehr durchweht, wenn's zu viel wird, und man sieht, dass hier jemand mit einem ungewöhnlich feinfühligen Sensorium unterwegs ist - mit solchen Nerven ausgestattet im emphatischen Sinn etwas über all die Disparatheiten zu sagen, die die Welt ausmachen, das ist nun einmal die Arbeit des Dichters. Klug, nervös, beweglich, nicht auf Souveränität aus - was noch?
Verbale Gerichtsmedizin
Hat Monika Rinck außer der poetischen ein Agenda, eine Ideologie gar? Wie steht's denn mit der Gesellschaftskritik - war ja immerhin auch mal ein Merkmal von Modernität? Nun, da ist zunächst zu sagen, dass eine bestimmte Form von Gesellschaftskritik (Wallraff und der Böllgrass) erledigt war, als sie zum Schulthema wurde, und Monika Rinck hat nicht die geringste Lust, auf diese Art erledigt zu sein. Also Verweigerung, l'art pour l'art, Ästhetizismus? Von wegen.
Über Machtstrukturen weiß sie so gut Bescheid wie nur irgendeiner. Wenn ihr Gedicht "Der letzte Tag im Süden" anfängt mit "Wir werden dir ein Mittel spritzen", und wenn sie das auch noch auf eine unnachahmliche Art vorliest, die mit dem brutalen Geflöte von HAL in "2001 - Odyssee im Weltraum" jederzeit konkurrieren könnte, und wenn dieses Gedicht endet mit "und vor der Türe stehen sie schon, / die schuhe, die wir haben, / die säcke mit dem müll und der passat" - dann ist das Ende eines Urlaubs so deutlich als Zementierung des vergeigten Alltags hingestellt, wie das mithilfe einer Sozialstatistik zu Krankenständen, Überstunden und Urlaubszeiten kaum gelungen wäre.
 |
|
Ein Name, der dann doch mehrfach fällt, ist der von Max Weber. Adornoanhänger, die sich dem sprachlichen Gestus des Vorbilds zu sehr annähern, hat sie gefressen, und man kann aus ihrem Gedicht "california dreaming" große Skepsis gegenüber der kritischen Theorie herauslesen. Eine moderne Liberale also, die per Gedicht endgültig Schluss machen möchte mit den Nachwehen des Neomarxismus? Ach nein, ach nein, so funktioniert das alles einfach nicht.
Schwer vorstellbar, dass Herr Westerwelle mit den Texten von Monika Rinck viel anfangen könnte - ein bis zum Anarchismus gesteigerter Liberalismus, der uns arme Menschen in ihrem Leid an Kultur und Natur so ernst nimmt, ist ganz sicher nicht sein Ding. Modernität: Da wären noch die ausgedehnten Internetaktivitäten von Monika Rinck. Seit 1996 betreibt sie schon ihr
"Begriffsstudio" , ein Blog als verbale Gerichtsmedizin für alles, was der Sprachstrom und die Zuträger unter den Lesern so anschwemmen.
Wo es Rohmaterial gibt, Hobelspäne, Schlamm; eine Langzeit-Werkstatt ohne Werkintention - wenn auch 2001 die ersten 1000 Fundstücke zu einem Anti-Werk versammelt wurden. In der sich die Dichterin die Finger schmutzig macht, so dass Spuren davon in ihrem Werk auftauchen, aber nur Spuren (s. Einflüsse), keine Knetmännchen, die aus den besten Resten im Begriffsstudio zusammengehudelt wurden. Dieses Material - das Werk hat es in sich.
Was kommt heraus? Gedichte wie "Was der Hund sieht", die Analyse einer Mensch-Haustier-Beziehung, nach der man sich ganz gut vermöbelt vorkommen kann: "konvex und bedröppelt lahmt / der verprügelte hund zum ewigen frieden, oder wie / heißt das, wo haushaltsgeräte zum sterben hingehen." Oder geht es hier wirklich um Frauchen und Hund, oder nicht etwa um etwas ganz Anderes? Romantisch glotzen ist hier auf jeden Fall nur für komplett Merkbefreite möglich. Das gilt auch für verzweifelte Daseinsanpflaumungen wie "WAS MACHEN DIE FRAUEN AM SONNTAG?", die aus dem Off mit einer fast
Brinkmannschen Härte aufwarten.
"Ah, das Love-Ding!"
Der Beat, der da geklopft wird, der einem da eingedengelt wird, ist so synkopiert, spielt mit so vielen Rhythmen, hat so viele Tricks drauf, dass man sich immer wieder fragt: "Wie macht sie das eigentlich?" Wie verspottet sie beispielsweise in "cowboyhandwerk" den Western und in "raumfahrt" die Science Fiction, ohne sich als Anwältin der Hochkultur aufzutakeln oder Popliteratur zu machen, Parodie oder Satire? Es ist etwas dazwischen, aber ohne Müllhalden-, Brachland-, oder Krautfeldcharakter; ein Ort, von dem die Dichterin mit jedem Text sagt, dass nur sie ihn wirklich kennt, diskret und charmant wie
Emily Dickinson.
Ein großer Name und viele Unterschiede. So hatte es die
Belle of Amherst zum Beispiel nicht so arg mit Beweglichkeit, und auch nicht mit Brutalität. Brutalität? Kommen wir zu
"Ah, das Love-Ding!".
"Meine Fresse!" ist ein spontaner Ausruf, der einem zu diesem "Essay" als erstes einfallen mag, denn auf die Fresse gibt es in diesem Text reichlich, sowohl für die "Handelnden" als auch für den Leser. "Handelnde" in einem Essay? Doch, es könnte auch ein Roman sein. Nein, ein Protokoll. Nein, ein philosophisch-psychoanalytisches Traktat zum Stand der menschlichen Beziehungen in der Post-Postmoderne. Nein, ein Zyklus von Prosagedichten. Was auch immer, dieses Kontinuum zur Beschreibung eines multiplen Gruppen- und Liebesscheiterns sucht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seinesgleichen.
In der emotionalen Färbung mal zart, mal brutal, intellektuell hoch anspruchsvoll und gleichzeitig immer bereit zu Kalauer und Slang, von einer herzabdrückenden Melancholie durchwirkt, aber an vielen Stellen zum Loslachen komisch, um Begriff und Kategorie bemüht, aber spielfreudig wie eine Katze, die immer noch eine bessere Maus erwartet - es gibt nur eine Handvoll Autoren und Autorinnen in Deutschland derzeit, die einen solchen Text schreiben können.
In der emotionalen Färbung mal zart, mal brutal, intellektuell hoch anspruchsvoll und gleichzeitig immer bereit