Marcus Hammerschmitt 27.10.2004
"antifa" ist die Zeitschrift der
VVN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten), der größten und ältesten Vereinigung von Antifaschisten in der BRD. Das Blatt erscheint seit einiger Zeit als Beilage zur Tageszeitung
"junge Welt" und hat jetzt seinen Internet-Auftritt
modernisiert.
Das Design ist nüchtern und funktional, wie es dem Thema angemessen ist, die Inhalte sind auf den ersten Blick die richtigen und bekannten. Offenbar eine No-Nonsense-Publikation von Antifaschisten für Antifaschisten, wie es sie eigentlich gar nicht genug geben kann. Also alles in Butter? Mehr oder weniger.
Da gibt es einmal die grundsätzlichen Probleme mit dem Gegenstand. Das spezifische Gemisch aus Gleichförmigkeit und Gefahr, das vom Faschismus ausgeht - für seine Anhänger genau das richtige Lebensgefühl - infiziert auch seine langjährigen Gegner mit einer unvermeidlichen Langweiligkeit, in unmittelbarer Konsequenz ihres fortdauernden Engagements. Immer dasselbe sagen zu müssen über immer denselben Gegner, der immer dieselben Strategien verfolgt und immer dieselben Ziele hat, dabei aber nie seine Gefährlichkeit einbüßt - das muss man erst einmal durchhalten, und das kann man nur mit Hartnäckigkeit. Versucht man es mit Spaß, landet man über kurz oder lang ebenfalls bei den immergleichen Witzen, die, abgesehen von einigen
Volltreffern bestenfalls unangemessen erscheinen - siehe die Titanic.
So dröge die Ideologie des Gegners, so monströs die Gefahr
So dröge ist die Ideologie des Gegners, so monströs die Gefahr, die von ihm ausgeht, dass er selbst dem klarsichtigsten Humor die Spitze nimmt. Also nimmt man es ernst wie der VVN (dessen Mitglieder es teilweise auch aus eigener Erfahrung noch ernst zu nehmen haben), und landet beim Aufdecken der immergleichen
faschistischen Kontinuitäten und
Geschichtsfälschungen, den immergleichen Querverbindungen in die offizielle Politik, man sagt und tut das Immergleiche. Ich bin dem VVN und den Autoren und Autorinnen der "antifa" dankbar dafür, dass sie das tun. Spaßantifaschismus ist mal ganz lustig, aber er reicht ja nicht hin. Niemand kann dem Geschwätz der Nazis besser Paroli bieten, als die im VVN organisierten Zeitzeugen, die genau wissen, wo die NPD, die DVU und all die anderen "Nationalen" eigentlich hin wollen. Insofern ist die spezifische Langweiligkeit der "antifa" das allergeringste Problem. Und die törichte Strategie, haufenweise Artikel in der Online-Ausgabe nur
anzupreisen, um dann darauf hinzuweisen, dass sie nur in der Printausgabe gelesen werden können, die man abonnieren muss - geschenkt. Das ist schlimmstenfalls ein Marketingfehler.
Problem "Traditionssozialismus"
Die wirklichen Schwierigkeiten liegen woanders. Die "junge Welt", den VVN, die "antifa", das ganze Spektrum "traditionssozialistisch" zu nennen, wäre eher eine Untertreibung. Am Traditionssozialismus ist ja eher nicht das Sozialistische das Problem, sondern die Tradition, und vor allem dann, wenn es sich um Traditionen handelt, die wie in diesem Fall in Konflikt mit dem Antifaschismus stehen. Nehmen wir zum Beispiel einen der tonangebenden Autoren der "jungen Welt", Werner Pirker. Man hat seine Position als "nationalbolschewistisch"
beschrieben, aber wenn das stimmt, dann müsste man sich bei ihm schon fragen, wo eigentlich das Bolschewistische ist, wenn doch das Nationale so sehr überwiegt, und ob sein
fanatischer Hass auf die USA und Israel in der rechtsextremen Jungen Freiheit nicht viel besser aufgehoben wäre.
Aber nein, er scheint schon dort hin zu passen, wo er sich austobt, und wenn auch die Texte in der "antifa" normalerweise nicht so extrem sind, gehen sie doch nicht, wie es für eine antifaschistische Publikation eigentlich selbstverständlich wäre, auf Gegenkurs dazu. Am Beginn eines eigentlich sehr lesenswerten Artikels zum
Antisemitismus Martin Luthers, findet sich dann schon einmal eine vollkommen themenfremde Ouvertüre, die man nur richtig verstehen kann, wenn man sie als eine der immer wiederkehrenden Apologetiken zum Thema Linke und Antisemitismus liest, wie sie auch im Mutterblatt de rigueur sind. Nicht zu begreifen, dass der Antisemitismus im Antizionismus steckt wie das Gewitter in der Wolke (
Jean Améry); nicht einmal auf dem Reflexionsniveau eines Buchs wie
"Wir sind die Guten" angekommen zu sein, jenes Texts also, in dem zum ersten Mal der Antisemitismus in der radikalen BRD-Linken breiter verhandelt wurde; immer das Schlechteste an der DDR nachträglich zu verteidigen, nämlich die Umarmung des Konzepts von der deutschen Nation - manchmal sind die Traditionen am Traditionssozialismus einfach nur lästig.
Dazu passt immer auch die programmgemäße Heranziehung jüdischer Gewährsleute, die der antizionistischen deutschen Linken attestieren, dass ihre Traditionen schon okay sind. Aktuell füllt diese Rolle Kurt Julius Goldstein aus, der ein sehr tapferer Mann und ein aufrechter
Antifaschist ist, aber leider auch viel
dummes Zeug erzählt und nicht zu merken scheint, in was für einem Spiel er hier mitspielt.
Es ist schon ein Dilemma mit der "antifa". So sicher man sein kann, dass mehr Zeitungen wie sie gebraucht würden, mit höherer Auflage und Reichweite, so gern hätte man sie anders. Dass dieser Wunsch keinen Zweck hat, macht die Situation nicht angenehmer - und das "Ja, aber" nicht weniger widersprüchlich.