Hintergrund

15.10.2008 10:36

 


English version: Linux Kongress 2008

Thorsten Leemhuis

Linux-Kongress 2008

Auf dem kürzlich abgehaltenen Linux-Kongress 2008 präsentierte bekannte Größen aus dem Umfeld von Linux aktuelle und zukünftige Entwicklungen. So wollen die Samba Entwickler den bislang getrennt entwickelten Code von Samba 3 und 4 zusammenlegen; die HA- und Cluster-Entwickler wollen in Zukunft ihre Kräfte auf bestimmte Bausteine bündeln. Dirk Hohndel zeigte zudem ein Netbook, dessen Linux nur fünf Sekunden zum Start braucht; er rief Entwickler in seiner Keynote auf, sich stärker an den Bedürfnissen der Anwender zu orientieren.

James Bottomley referiert über die Werte von Open-Source
James Bottomley referiert über die Werte von Open-Source Vergrößern
In Hamburg fand vergangener Woche der Linux-Kongress 2008 statt und zog wieder bekannte Entwickler von Linux-Kernel und anderen Kern-Komponenten moderner Linux-Distribution als Besucher oder Referenten an. An die Sternstunden der von der GUUG (German Unix Users Group) organisierten Veranstaltung in den 90er-Jahre können die heutigen Linux-Kongresse allerdings nicht mehr so recht anknüpfen: Damals war der Linux Kongress noch das Haupttreffen zum Erfahrungsaustausch zwischen den Kernel-Entwicklern und zog massig Linux-Prominenz an. Diese Funktion hat mittlerweile der jährliche Kernel-Summit übernommen, der in den letzten Jahren an Veranstaltungsorten auf verschiedenen Kontinenten abgehalten wurde.

Doch auch heute braucht sich der Kongress keineswegs zu verstecken, sprachen doch im zweitägigen Vortragsprogramm bekannte Größen wie James Bottomley (Verwalter des SCSI-Subsystems von Linux und Linux Foundation Technical Advisory Board Chair), Jonathan Corbet (Kernel-Entwickler und bekannt durch seine Arbeit auf LWN.net), Volker Lendecke (Samba-Entwickler und einer der Gründer der SerNet GmbH) oder Dirk Hohndel (Chief Linux and Open Source Technologist bei Intel). Die meisten der Vorträge waren auf hohem Niveau und boten einen guten überblick über aktuelle und zukünftige Entwicklungen im und um den Linux-Kernel herum.

Quid pro Quo

Mit den Werten der Open-Source-Entwicklung beschäftigte sich die Keynote "What is the Value of Open Source" von James Bottomley zur Eröffnung des Linux-Kongress. Er ging auf die Entwicklungsgeschichte von BSD, GNU und Linux ein und erklärte dabei auch die Unterschiede in der Motivationen der Projekte. Dabei betonte er mehrfach, wie Linux sich von den anderen Unterschiedet: Um zu Linux beizutragen, müsse man sich nicht in erst zu einer Philosophie (GNU) oder einer Definition von Freiheit (BSD) bekennen; vielmehr zählten die technischen Verbesserungen ("technical merit") und die Reife des Codes mehr als alles andere. Die GPLv2 würde dabei primär sicherstellen, dass Verbesserungen auch wieder in Linux einfließen ("Quid pro Quo"). Die Freiheit des Codes wäre zudem nicht a priori definiert, sondern würde ganz natürlich durch die GPLv2 entstehen; er verglich dies mit der Verfassung der Vereinigten Staaten, die eine "Freie Gesellschaft" nicht direkt als Ziel setzt, sondern durch wenige Regeln zu einer solchen führen soll. Weitere Details zu den Gedanken von Bottomley finden sich in seinen Präsentationsfolion; zudem sind Aufzeichnungen von dieser und den Keynotes von Jonathan Corbet und Dirk Hohndel auch Online als Video verfügbar.

Im "Kernel Report" gab Corbet einen Überblick über aktuelle Entwicklungen beim Linux-Kernel. Der Vortrag begann mit einem kurzen Rückblick, hatte Corbet doch einen der ersten "Kernel Reports" auf dem Linux-Kongress 2001 gegeben. Wer sich schon länger mit dem Linux-Kernel beschäftigt, dürfte bei einem Blick auf seine damals gezeigte Präsentation hier und da ins Schmunzeln kommen: Einiges dort Beschriebene ist heute ganz alltäglich, andere Dinge wurden wieder verworfen und schließlich ganz anders umgesetzt, als es damals auch nur im entferntesten absehbar war.

Corbets diesjährige Präsentation ging unter anderem auf die Neuerungen in den jüngsten 2.6.x-Versionen ein und gibt einen Überblick, welche Herausforderungen ("Challenges") zu bewältigen sind. Dabei geht er unter anderem auf die Kernel-Qualität ein und verweist dabei auf das seit einigen Monaten intensiver betriebene Regression-Tracking durch Rafael J. Wysocki oder das hilfreiche Kerneloops-Projekt. Auch die von Linus Torvalds neuerdings strikter durchgesetzte Einhaltung der (weitgehend ungeschriebenen) Regeln des Entwicklungsprozesses hebt Corbet hervor. Er spricht aber noch zahlreiche weitere Herausforderungen an – etwa "Out of Tree Code", dem die Kernel-Entwickler mittlerweile verstärkt entgegen wirken, indem sie auch nicht vollständig ausgereifte Treiber oder Verbesserungen in den Hauptentwicklungszweig aufnehmen, um sie dort weiterzuentwickeln. Regelmäßige Leser des Kernel Log dürften diese und andere im Vortrag diskutiere Aspekte bereits vertraut sein.

In die Tiefe

Deutlich mehr in die technischen Details ging es in den zahlreichen anderen Vorträgen. Die Textfassung ("Proceedings") einiger von ihnen finden sich in der Ausgabe 02/2008 der GUUG-Mitgliederzeitschrift Uptimes, die Lehmanns Fachbuchhandlung vertreibt. Zahlreiche der Vortragenden haben jedoch ihre Präsentationsfolien jedoch auch Online gestellt:

Zusammenarbeit

Die Veranstaltung schloss die Keynote von Intel-Mitarbeiter Dirk Hohndel ab, der einer der treibenden Kräfte hinter dem auf Netbooks und Mobile Internet Devices (MIDs) ausgerichteten Projekt moblin ist. Hohndel, der in seinem Blog die Geschichte des Linux-Kongress nochmal kurz umreißt und diesen als erste richtige Linux-Konferenz hervorhebt, zeigte unter anderem ein Netbook, das vom Starten des Linux-Boot-Prozesses bis zu einer benutzbaren Desktop-Oberfläche nur fünf Sekunden braucht – Intel-Mitarbeiter Arjan van de Ven hatte dies vor einigen Wochen bereits auf der Linux Plumbers Conference gezeigt und dabei auch genau erklärt, wie das realisiert wurde.

Hohndel kritisierte in seiner Keynote aber auch, dass manche Open-Source-Entwickler immer wieder von vorne beginnen, statt existierende Software zu verbessern. Er rief die Entwicklergemeinde zudem dazu auf, sich stärker an den Bedürfnissen der Anwender zu orientieren, damit auch unerfahrene Entwickler Netbook oder MID so intuitiv und einfach bedienen können wie ein schnödes Notizbuch. (thl)

Update, 23. Oktober 2008:

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