02.12.2008 12:24

 


Frank Möcke

Streitpunkt Fachkräftemangel

Studienplätze für Ingenieure verwaisen, während die Klagen der Industrie über den „Fachkräftemangel“ im IT- und Kommunikationswesen unvermindert anhalten. Ursachen und Aspekte dieses Missverhältnisses versuchten Referenten aus Wirtschaft und Gesellschaft auf dem Jahreskongress der Initiative D21 zu ergründen.

Gegründet 1999 in der Euphoriephase der New Economy, wirken in der Initiative D21 heute rund 200 Mitgliedsunternehmen und -organisationen gemeinsam an der Aufgabe, die „digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern“. Branchen- und parteienübergreifend arbeiten politische Partner aus Bund, Ländern und Kommunen mit Firmen und Gewerkschaften zusammen. Den Jahreskongress der Initiative am 14. November in Berlin beherrschte die Sorge, dass zu wenig Nachwuchs den Weg in die IKT-Berufe findet.

Martin Leitner, Geschäftsführer des Hochschul-Informations-Systems (HIS) konnte dafür Gründe nennen. „Katastrophal“ nennt der Professor die Zahl der Studienabbrecher, die in den Bereichen Mathematik, Informatik, Physik und Elektrotechnik noch immer bei mehr als 50 Prozent liegt, hier sei man „nicht wirklich weitergekommen“. Drei Ursachen, warum diese Fächer bei der Studienwahl so wenig präferiert werden, misst er herausragende Bedeutung zu:

Leitner warnte eindringlich davor, nach dem Abitur eine längere Zeit bis zum Studienbeginn verstreichen zu lassen. In solchen „Findungsjahren“ gehe viel Theoriewissen verloren, was sich in einer erhöhten Abbruchquote bei diesem Personenkreis zeige. Nicht zuletzt bestehe in Deutschland ein Mentalitätsproblem: „Die Deutschen mögen ihre Schulen und Hochschulen nicht mehr.“ Leitner wetterte gegen die „Lordsiegelbewahrer des Bildungsbürgertums“, gegen die sich vor allem die Ingenieure zur Wehr setzen müssten. Die Geschichte des Ingenieurberufs sei eine Folge von Minderwertigkeitsgefühlen. Kennzeichnend für die Stimmung: Da hat man sich seinerzeit allenthalben aufgeregt, dass Zlatko im Big- Brother-Container mit „Shakespeare“ nichts habe anfangen können – aber nicht gewürdigt, dass er einen Vergaser fachgerecht zerlegen könne!

Leitner räumte ein, dass die Einführung von Studiengebühren einen geringen Teil der potenziellen Studenten veranlasst, den Unis fernzubleiben. Damit hat die Politik anscheinend nicht gerechnet. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, erkannte Handlungsbedarf: „Die jungen Leute müssen wissen, dass sie verlässliche Berufsperspektiven haben. Dabei ist auch die Finanzierung wichtig.“ Sie setzt sich für ein Stipendienwesen ein, das je zur Hälfte von der öffentlichen Hand und der Wirtschaft getragen wird: „Der Bund ist bereit, das Seinige dafür zu tun.“ Das rief Heinrich Höfer, Leiter der Abteilung Technologie und Innovationspolitik im Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) auf den Plan. Er möchte nicht, dass seine Klientel für ein unbestimmtes Ergebnis zahlt: „Bisher gehen die Vorstellungen eher in Richtung einer Fonds-Lösung. Staat und Wirtschaft zahlen in einen Fonds ein.“ Er wünscht sich dagegen ein Dreiecksverhältnis aus Hochschule, Student und Unternehmen, „was für das Unternehmen auch den Vorteil hat, dass es sich bei dem Studenten gleich bekannt macht, dass der Student auch wenigstens schon die Alternative hat, mit diesem Unternehmen auch während des Studiums bereits in Kontakt zu stehen. Es kann auch sein, dass das Unternehmen sagt, ich gebe Dir ein ordentliches Stipendium, dafür bleibst Du anschließend mal drei Jahre bei mir oder fünf Jahre, und wenn Du eher gehst, dann zahlst Du halt ein Stück zurück, oder derjenige, der Dich übernimmt, macht das – wie wir das in der Bundesliga ja auch haben. Einige Unternehmen machen das schon lange.“

Helga Schwitzer vom Vorstand der IG Metall hatte es schwer, sich gegen die geballte Präsenz der Industrie durchzusetzen. Man müsse genau hinschauen und den Zahlenberg relativieren, um die Klage über den „Fachkräftemangel“ zu durchleuchten. Die Branche schüre den Mythos auch, um Lohndumping zu betreiben. Sie solle ihr Image verbessern: Da herrscht verbreitet das Bild des Programmierers, der sich mutterseelenallein im dunklen Kämmerchen müht, komplizierte Projekte abzuschließen. Zudem suchen über 20 000 Arbeitslose im IKT-Bereich eine Anstellung. Auf der anderen Seite können auch junge Leute die Anforderungen nicht erfüllen: 62 Prozent der Betriebe erwarten eine längere Berufserfahrung der Bewerber.

Dem widersprach Matthias Schuster, Leiter des Personalwesens und Mitglied der Geschäftsführung bei T-Systems. Arbeitslose müssten das verlangte Profil erfüllen, um angestellt zu werden. Ihre Probleme lägen nur allzu oft im persönlichen Bereich. Er forscht vor allem nach Projektingenieuren für die Telekom und muss ein Dreivierteljahr suchen, bis er einen Bewerber findet, der den Anforderungen entspricht. Dabei beginnen die Hemmnisse schon im Kleinen. Schuster erwähnte aus seiner Berufspraxis, dass man Aspiranten oft genug erst einmal habe nachschulen müssen, „damit sie die Mathematik auf die Reihe kriegen“. Er schwärmt aber auch davon, dass er junge, motivierte und ehrgeizige Arbeitnehmer kennengelernt hat – in Ungarn.

Version zum Drucken

 


Themen-Forum Professionals




Original-Seite: heise jobs - 02.12.08 - Streitpunkt Fachkräftemangel
 Web-Blaster V2.21 Webblaster-Feld schließen
Die angezeigte Seite wurde durch den Web-Blaster geleitet und dadurch mit der Datenbank des Assoziations-Blasters verknüpft.

Der Web-Blaster ist ein alternativer Browser, der beliebige Webseiten mit Links anreichert. Der gesamte Vorgang geschieht in Echtzeit mit den Original-Daten, es werden keine fremden Daten auf dem Blaster-Server zwischengespeichert.

Um diese Seite unverändert und auf ihrem ursprünglichen Server zu sehen, muss der Webblaster abgeschaltet werden.

Webblaster abschalten