Open Source Meets Business 2008 – Themen-Highlights und viel Atmosphäre
Wenn vor und auf einem Kongress, der sich mit dem Open-Source-Software befasst, ausgerechnet der Name Microsoft am häufigsten genannt wird, ist das allein noch mittelmäßig überraschend. Schon erstaunlicher ist es, wenn die Erwartung geäußert wird, dass Microsoft sich zunehmend mit der Open-Source-Idee anfreunden und mit diversen Communities kooperieren werde, und wenn zudem ein hochrangiger Microsoft-Vertreter einräumt, diese Erwartungen seien realistisch.
So geschehen auf dem Kongress Open Source Meets Business, dessen dritte Auflage zwischen dem
22. und 24. Januar 2008 in Nürnberg stattfand. Auf der Bühne des CCN Ost stand unter anderen Sam Ramji,
Director Platform Technology Strategy bei Microsoft. Hinter dem beeindruckenden Titel verbirgt sich die Leitung von etwas,
das man sich vor kurzem noch gar nicht vorstellen konnte: das Open-Source-Labor beim Weltmarktführer für
proprietäre Betriebs- und Anwendungssoftware. Ramjis Botschaft:
Der Gegensatz zwischen Open Source und privater Software existiere nicht mehr – zumindest beschreibe er nicht mehr
zutreffend die Verhältnisse im heterogenen IT-Markt.
Wahlfreiheit für Anwender und Anbieter
Vielmehr würden sich künftig sowohl Anwender als auch Anbieter immer stärker der Vorteile bedienen, die sich
aus den Wahlmöglichkeiten im Markt ergäben. Ramji: "Sie treffen ihre eigene Wahl, je nachdem, welchen Wert und
welche Möglichkeiten sich aus offenen, geschlossenen und gemischten Modellen ergeben". Das gelte, betonte der
Absolvent der "Cognitive Science" (Erkenntnistheorie), in der Softwareentwicklung ebenso wie in Lizenzierungsfragen
und bei Geschäftsmodellen. Auch Microsoft, versprach Ramji, werde seinen Kunden und Partnern "organische,
Community-getriebene" Entwicklungs- und Lernangebote unterbreiten. Im Vordergrund der Microsoft-Strategie, das machte
Ramji gleichwohl deutlich, stehe immer die Stärkung von Windows als originärer Plattform.
Hieran werde sich nichts ändern.
Auch für Bob Shimp, Vice President Technology Marketing von Oracle, geht es offenbar um Koexistenz statt um Kampf. Er sprach gar vom "Krieg" der nunmehr vorbei sei. Die Oracle-These: Anwender hätten pragmatische Forderungen in puncto Funktionalität, Service Levels und Effizienz von Software und Services. Diesen Forderungen könne die IT-Branche auf Dauer nur nachkommen, wenn die Heerführer der Open und Private Source tatsächlich einen "Friedensvertrag" schlössen und ihn auch lebten.
Streitpunkt Interoperabilität
Auf einer Podiumsdiskussion im Anschluss an den Ramji-Vortrag ging es dann
auch überwiegend harmonisch zu. Das Streben – nicht nur von Microsoft – nach Sicherung der Pfründe
dürfte trotzdem noch länger zu Diskussionen führen. Bestes Beispiel: Zwar konnten sich alle – neben
Ramji saßen auf dem von heise-open-Chefredakteur Oliver Diedrich moderierten Podium Roger Levy von Novell, Paul
Cormier von Red Hat, Jim Zemlin von der Linux Foundation und Johannes Helbig von der Deutschen Post – darauf
verständigen, dass Interoperabilität zwischen heterogenen System- und Anwendungswelten die wichtigste
Anwenderforderung sei. Microsoft jedoch, diesen Vorwurf mochte Cormier dem Software-Marktführer nicht ersparen,
interpretiere Interoperabilität als Mittel zu eigenen Zwecken.
Das Microsoft-Thema war zwar das am meisten diskutierte und stand im Fokus des abschließenden Kongresstages. Darüber hinaus enthielt das Programm jedoch viele weitere Höhepunkte: Johannes Helbig, Mitglied im Zentralvorstand der Post und CIO des Konzerns, berichtete über die Entwicklung des SOA-Frameworks im Konzern, darüber, warum und wie es in die Open Source gegeben wurde, und über die zusätzlichen Perspektiven, die sich aus der Mitgliedschaft in der Eclipse Foundation ergeben. Jean Gondé, Chief Technical Officer des französichen Multikonzerns Lagardère, stellte das Open-Source-basierte globale Content-Management-System für den Lagardère-Medienbereich vor. Bob Sutor von IBM erklärte den Mix zwischen quelloffener und proprietärer Software, der die Grundlage der IBM-Strategie bildet. Für Hewlett-Packard verortete Christine Martino die Rolle der Open Source in der Produktstrategie des Konzern.
75 000 Euro für die besten Business-Pläne
Der Kongress stand, wie im Vorjahr, auf drei inhaltlichen Säulen: Beim Investment Summit präsentierten
Projekte und Unternehmen mit Finanzierungsbedarf ihre Business-Pläne vor VCs und Privatinvestoren. Insgesamt
75 000 Euro hatte die Nürnberger Open Source Business Foundation für die besten drei Präsentationen
ausgelobt. Den ersten Preis (50 000 Euro) strich die Dortmunder Rapid-I GmbH, vertreten durch Gründer und
Geschäftsführer Ralf Klinkenberg, für ihre Data-Mining-Software Rapid Miner ein. 15 000 Euro gab es
für den zweiten Platz, den Manel Sarasa, CEO von Openbravo, mit einem Businessplan für die internationale
Expansion des Herstellers quelloffener ERP-Software belegte. 10 000 Euro nahm der Drittplatzierte Hans-Christian
Brockmann für Brox IT aus Hannover für das Informationslogistik-Framework Eccenca in Verbindung mit dem
Data Management Center (DMC) entgegen. Verliehen wurden die Gewinnerschecks von Markus Sackmann, Staatssekretär
im Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie, am zweiten Kongressabend auf einem
Empfang des Freistaats Bayern.
Das Programm des Technology Summit im Rahmen von OSMB 2008 umfasste 58 Vorträge, in denen es um den Status, die Entwicklungs-Roadmap und die verfügbaren Support-Leistungen wichtiger Projekte und Produkte der Open Source ging. Zu den System nahen Themen gehörten hier der Systemmanagement-Standard WS Man, den Klaus Kämpf von Novell beschrieb, und eine Implementierung der Business-Intelligence-Suite von Pentaho auf Basis der Ingres-Datenbank; Hans-Jürgen Zinn von Proratio stellte das Projekt vor. Sun Microsystems' Erwin Tenhumberg gab unterdessen einen Überblick über das Open Document Format. Höher im Stack angesiedelt: die Business Applications, darunter ITIL-konformes IT-Servicemanagement mit dem OTRS-Tool, das Bodo Bauer von der gleichnamigen Firma vorstellte. Adam Jollans erläuterte IBMs Vision vom Desktop der Zukunft, und Philipp Reisner von Linbit schilderte, wie sich unter Linux Hochverfügbarkeit in die Systeme bringen lässt. Senior Architect Holger Engels von der Wilken GmbH präsentierte die Integrationsplattform OSBL (Open Source Business Library), und Agnitas-Gründer Martin Aschoff erläuterte Möglichkeiten und Grenzen des E-Mail-Marketings mit dem quelloffenen Werkzeug Open EMM.
Im Enterprise Summit (63 Vorträge) standen Open-Source-Lösungen im praktischen Einsatz auf dem
Präsentierteller. Matthias Strelow vom Red-Hat-Kunden LVM erläuterte die konsequente Linux-Strategie des
Münsteraner Versicherungsunternehmens. Für das Auswärtige Amt sprach Torsten Werner über den Einsatz
des Virtualisierungswerkzeugs Virtualbox von Innotek (gerade von Sun Microsystems übernommen).
Um die Hotel-Plattform Room 2.0 von Swisscom Hospitality Services ging es im Vortrag von Alexander Finger. Bernd Kieseler von
der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft zog eine Bilanz von vier Jahren Linux auf dem Desktop (2200 Arbeitsplätze an 14
Standorten) und berichtete von der Migration auf Open Xchange.
Fazit: Mehr Pausen, mehr Gespräche
Trotz der großen Zahl an Vorträgen blieb mehr Zeit für Gespräche in den Kaffeepausen als 2007; bei der vorigen Auflage hatte es gelegentlich Kritik am dicht gedrängten Vortragsprogramm gegeben, das nur wenig Pausen für persönliche Kommunikation zuließ. Ganz verstummte diese Kritik auch 2008 nicht, aber wer durch die Flure streifte, sah deutlich mehr Kongressbesucher in Gespräche vertieft als im Jahr zuvor. Und es schien nicht nur so, als würden die Kaffee-Lounges rege genutzt; tatsächlich lag der Getränkeverbrauch klar über dem Vorjahreswert.
























