"Und was liegt denn nun hinter dem Schacht? Freunde, inzwischen geht es um zwei Schächte! Ich tippe auf Kammern, und von dort aus wird es weiter zu anderen Räumen gehen. Und noch etwas: Sollten sich hinter den Verschlussblöcken Kammern zeigen, die nichts mit Cheops zu tun haben, werden wir sie mit ihrem Originalzubehör nie zu Gesicht bekommen. Wetten?"

So beendet Erich von Däniken, Schweizer Buchautor und weltbekannter Vertreter der Behauptung "Die Götter waren Astronauten", seine Stellungnahme zur weltweit im September 2002 im Fernsehen übertragenen Öffnung des Blockiersteins im südlichen Schacht der Königinnenkammer der Cheops-Pyramide (v. Däniken, 2002, S. 14). Darin kommentiert von Däniken die Übertragung im ZDF, in der auch ein Interview mit Michael Haase, Diplommathematiker, Wissenschaftsjournalist und Autor mehrerer Bücher über ägyptische Pyramiden. Veröffentlicht wurde die Stellungnahme von Dänikens in Ausgabe 6/2002 von "Sagenhafte Zeiten", einem Magazin, das an Mitglieder der "Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und SETI" (A.A.S., vormals "Ancient Astronaut Society") verteilt wird. Die Aussage von Dänikens, die vermutlich auch über den Mitgliederkreis der A.A.S. hinaus Wirkung entfalten wird, ist nicht ohne Brisanz, hält sie doch eine Verschwörungstheorie am Leben, die schon seit langem in pseudoarchäologischen Kreisen kursiert:
Die Ägyptologie arbeite unseriös, denn sie manipuliere Entdeckungen so, dass das über viele Forschergenerationen hinweg liebgewonnene Theoriengebäude nicht in sich zusammenbrechen und nicht "Querdenker"wie Erich von Däniken und andere Anerkennung finden können. Diese Verschwörungstheorie entbehrt jeglicher Grundlage, dennoch fällt sie bei vielen Menschen ganz unterschiedlicher Bildungs- und Gesellschaftsschichten auf sehr fruchtbaren Boden. Den ägyptischen Pyramiden haftet, trotz ihrer Erforschung durch die Wissenschaft, anscheinend immer noch etwas rätselhaftes und mythisches an, und besonders bei der größten, der Cheops-Pyramide auf dem Giza-Plateau nahe Kairo, fällt es vielen schwer zu akzeptieren, dass sie hier vor der eindrucksvollen Leistung von Menschen stehen, die um 2550 v. Chr., gerade der Steinzeit entkommen, mit einfachen Werkzeugen innerhalb von 20 Jahren ein wahres Wunderwerk der Baukunst zu einem einzigen Zweck errichteten: Als Grabmal eines Pharao der 4. Dynastie, Cheops, mit angeschlossenem Tempelkomplex für die Verehrung des nach seinem Tode in den Götterhimmel aufgestiegenen Königs.

Der Anlass für von Dänikens Beitrag in "Sagenhafte Zeiten" war die Untersuchung des Blockiersteins im Südschacht der Königinnenkammer in der Cheops-Pyramide durch eine Forschungsexpedition unter der Leitung des Leiters der ägyptischen Antikenverwaltung, Zahi Hawass. Millionen Menschen weltweit konnten in der Nacht vom 16. zum 17. September 2002, gemeinsam mit den Technikern und Wissenschaftlern in der Cheops-Pyramide, an ihren Fernsehern mitvefolgen, was sich hinter dem Blockierstein verbarg: Nur ein leerer Hohlraum, etwa 45 cm lang und eine Verlängerung des Schachtes, an dessen Ende man einen unpolierten Steinblock erkennen konnte, der anscheinend zum Kernmauerwerk der Pyramide gehört: Hier war der Schacht zuende (Haase, 2002, S. 7). Zuvor war ein kleines Roboterfahrzeug, der "Pyramid Rover", den knapp sechzig Meter langen Schacht (mittlerer Steigungswinkel: 39,61 Grad, Breite und Höhe des Schachtes: 20,5 cm) bis zu dem Blockierstein hinaufgefahren. Der Roboter war mit einem Bohrer ausgerüstet: Damit wurde ein Loch in den Blockierstein gebohrt, durch das anschließend eine ebenfalls am Roboter montierte Kamera hindurchgeführt wurde. Einmal abgesehen von der durch "National Geographic" mit großem Aufwand betriebenen Ankündigung als Medienereigniss und der anschließenden Enttäuschung bei vielen Zuschauern angesichts des leeren Hohlraums bleibt die Frage nach der Motivation von Dänikens, angesichts des klaren, für jedermann erkennbaren Befundes, weiterhin an einer Verschwörungstheorie festzuhalten. Und was hat jener kleine Blockierstein am Ende eines fast sechzig Meter langen Schachtes an sich, dass er von Däniken und andere Pseudarchäologen derart in seinen Bann zu ziehen vermag?

1. Hintergründe (1): Das Projekt UPUAUT 2
Die Cheops-Pyramide ist ein Touristenmagnet. Tag für Tag, Jahr für Jahr, wird sie von tausenden Besuchern aus aller Welt bestaunt. Heute wird nur einer eng begrenzten Zahl von Touristen der Zutritt in das Kammersystem der Pyramide gewährt. Doch das war nicht immer so. Zu Beginn der neunziger Jahre wälzten sich täglich rund tausend Besucher aus aller Welt durch Gänge und Kammern der Pyramide. Das brachte erhebliche Probleme mit sich: Die stickige und heiße Luft in der Pyramide ließ die Besucher schwitzen. Jeder Tourist, der das Innere der Pyramide betrat, hinterließ etwa 20 Gramm Kondenswasser. Der poröse Kalkstein sog das Wasser auf wie ein Schwamm, Salz und Mineralien wurden gelöst, traten an der Gesteinsoberfläche aus und zerstörerische Pilzkulturen fanden an den Wänden eine neue Heimat (Sasse/Haase, 2000, S. 85 f.). Diese Entwicklung veranlasste die ägyptische Antikenverwaltung, Restaurierungsaktionen in die Wege zu leiten. Unterstützen sollte sie dabei das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in Kairo, damals unter der Leitung des renommierten deutschen Ägyptologen Rainer Stadelmann, einem ausgewiesenen Fachmann für ägyptische Pyramiden. Gemeinsam mit dem Münchner Ingenieur Rudolf Gantenbrink erarbeitete Stadelmann eine Lösung, um die gefährliche Luftfeuchtigkeit in der Cheops-Pyramide herabzusenken: Es sollte eine Art Belüftungssystem konstruiert werden. Gantenbrink regte an, zu diesem Zweck die Schächte zu nutzen, deren Austritte sowohl in der Königinnen- wie auch der Königskammer erkennbar waren: Hier konnte man den Bau einer Klimaanlage wagen (Sasse/Haase, 2000, S. 87 ff.).

Im Frühjahr 1992 wurden speziell dafür entwickelte Ventilatoren im südlichen Schacht der Königskammer eingepasst. Bereits bei der Generalprobe konnte die Luftfeuchtigkeit in der Königskammer auf 52 % gesenkt werden (Sasse/Haase, 2000, S. 93). Nun wurden die Schächte in der Königinnenkammer in Angriff genommen. Es gab aber ein Problem: Während die Schächte der Königskammer Öffnungen an den Außenwänden der Pyramide aufweisen, fehlen diese bei den Schächten der Königinnenkammer. Wollte man hier ebenfalls eine Klimaanlage installieren, musste der Sache auf den Grund gegangen werden. Gantenbrink brachte jetzt einen von ihm entwickelten kleinen ferngesteuerten Roboter ins Spiel, ein raupenähnliches Fahrzeug, das mit einer Kamera ausgerüstet war, um in das Innere der Schächte blicken zu können. Der Roboter, der mit Einverständnis des DAI und der ägyptischen Antikenverwaltung die Schächte der Königinnenkammer erkunden sollte, wurde "UPUAUT 2" getauft, nach dem gleichnamigen ägyptischen Gott, dem "Öffner der Wege." Im März 1993 wurde die Erforschung des Nord- und Südschachtes in der Königinnenkammer in Angriff genommen. Im Nordschacht kam Gantenbrinks Roboter schon nach einem kurzen Wegstück nicht mehr weiter: Anders als der Südschacht macht der Nordschacht eine durch das Kammersystem der Pyramide erzwungene Biegung. Just an dieser Stelle befand sich eine Holzleiste sowie eine Eisenstange, die Wayman Dixon, der Entdecker der Schächte, 1872 hier zurückgelassen hatte. Die Stange hatte sich verklemmt, die Gefahr, dass sich auch UPUAUT 2 hier verkeilte, war zu groß (Sasse/Haase, 2000, S. 105).
Doch es gab noch den Südschacht. Hier gab es zunächst kein Hindernis für Gantenbrinks Roboter. Gebannt verfolgten Ingenieure und Wissenschaftler auf Monitoren, die in der Königinnenkammer installiert worden waren, wie sich der Roboter Meter für Meter den Schacht hinaufbewegte. Nach fast sechzig Metern tauchte vor den Augen der staunenden Beobachter eine Blockierung auf, auf deren Oberfläche sich zwei längliche, offenbar kupferne Stifte befanden. Hier war die Reise von UPUAUT 2 zu Ende. Eine Klimaanlage ließ sich hier nicht installieren, doch war man auf eine wissenschaftliche Sensation gestoßen? Jedenfalls überschlugen sich jetzt die Ereignisse: Bereits im April 1993 erschienen erste Zeitungsmeldungen über die Entdeckung von Gantenbrinks Roboter (Sasse/Haase, 2000, S. 115). Die Medien witterten eine Sensation hinter dem Blockierstein, denn seit Jahrtausenden reißen Spekulatonen nicht ab über geheime Kammern und verborgene Schätze in der Cheops-Pyramide. Hatte man jetzt endlich etwas Handfestes gefunden, beispielsweise den Zugang zum eigentlichen Grab des Cheops, einer verborgenen Schatzkammer oder einer "Kammer des Wissens", in der sich Papyri mit den Geheimnissen der alten Ägypter befanden? Das Foto des Blockiersteins, aufgenommen von UPUAUT-2, machte seine Runde durch die Weltpresse. Die erhoffte Antwort auf die Fragen blieb aus: Das Projekt UPUAUT- 2 wurde gestoppt. Inzwischen war unter den Beteiligten des Projektes nämlich ein heftiger Streit ausgebrochen, der sich nicht allein um die Interpretation des Befundes drehte: Stadelmann vermutete keine geheime Kammer, die Schächte waren nie von Menschen benutzt worden. Gantenbrink hielt dagegen den Ausschluss einer Kammer für unseriöse Spekulation (Sasse/Haase, 2000, S. 117). Das allein reichte natürlich nicht aus, um das Projekt zu stoppen. Hinter dieser Entscheidung verbarg sich auch ein Politikum. Nach der Entdeckung des Blockiersteins hatte Gantenbrink kurze Videotrailer produziert und sie an das DAI, die ägyptische Antikenverwaltung und an seine Sponsoren geschickt. Zwar waren die Bildsequenzen, die den Blockierstein zeigten, mit dem Vermerk "Not For Broadcast" versehen, doch einmal in der Öffentlichkeit, entwickelte die Information ihre Eigendynamik (Sasse/Haase, 2000, S. 121). Das Ergebnis der Untersuchung wurde somit in der Öffentlichkeit bekannt, bevor die ägyptische Antikenverwaltung und das DAI darüber berichten konnten. Die Ägypter machten dem DAI Vorwürfe, es habe sich nicht an diese feststehende Regel gehalten: Eine peinliche Lage für die Deutschen, ein Ärgernis für die ägyptische Regierung. Diese jedenfalls beendete die Zusammenarbeit mit Gantenbrink, dem dieser Regelverstoß zur Last fiel und der damit die Ägypter in ihrer Ehre tief getroffen hatte (Sasse/Haase, 2000, S. 123): Bereits 1922 hatte ein Ausländer, der Brite Howard Carter, mit der Entdeckung des Schatzes von Tut-anch-Amun den Ägyptern eine Sensation vor der Nase weggeschnappt. Sollte sich das gleiche nun wiederholen?

2. Hintergründe (2): Die Pyramide des Cheops und die Peudoarchäologie

Aus dem zuvor Gesagten wird die Rolle von Gantenbrinks Entdeckung für die Pseudoarchäologen deutlich. Bereits arabische und koptische Mythen berichteten von geheimen Gängen und scharf bewachten Schätzen in der Cheops-Pyramide, von der Verewigung längst vergessenen Wissens und der Errichtung der Pyramide vor