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Rolf Dieter Brinkmann:
»Wer hat gesagt, daß sowas Leben ist?
Ich gehe in ein anderes Blau«


Sein gnadenloser Blick auf die Alltagswelten und die Mechanismen ihrer Zernutzung, festgehalten in lyrischen Tiraden, Liedern, Photos, ist zornig, traurig, zärtlich und immer schmerzend genau.

Auf einer Tonbandaufnahme von 1973 erklärt Brinkmann: »Ich bin mit Fritz Mauthner der Ansicht, daß Sprache, Wörter, Sätze zur Welterkenntnis völlig untauglich sind. Es sind immer nur Wörter und Sätze, Formulierungen aber was ist denn da tatsächlich?, und das kann Sprache, Dichtung nicht sagen
Er betrachtete zu diesem Zeitpunkt die »Tätigkeit des Schreibens als Widerstand gegen das Herumtoben der Welt« und empfand Ekel, wenn Geld im Spiel war, z. B. für das Schreiben von Artikeln.
Nein, ein erfolgreicher Autor war der 1940 in Vechta geborene Dichter Rolf Dieter Brinkmann zu Lebzeiten nicht. Er haßte die eitlen Attitüden, die Verlogenheit des Geschäfts und den damit verbundenen Druck zur Anpassung, schließlich mußte er eine Familie ernähren. In den 60er und 70er Jahren blieb er ein solitärer Rebell an der Peripherie des Literaturbetriebs. Zur Kultfigur wurde er post mortem geschrieben.
In seiner Biographie steht Vechta, die Kleinstadt in der er aufwuchs, für alles, was er hasste: Enge, Bigotterie, Dumpfheit. In Vechta gibt es drei Gefängnisse, und zwei Hochschulen. Für Brinkmann »Ein Schweinelandstrich, viel krüppeliges Grünzeug, katholisch verseucht
Seine ersten Prosa-Publikationen orientierten sich noch an der Ästhetik des nouveau roman. Die Beschäftigung mit der US-Avantgarde, vor allem mit der Lyrik Frank O’Haras, revolutionierte seine Texte. Die zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla 1969 herausgegebene Anthologie »Acid. Neue amerikanische Szene« zählt zu den wichtigsten Zeugnissen der literarischen Beat Generation.
»Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie SongsBrinkmann liebte die Doors, Velvet Underground, Soft Machine – hypnotische Beschwörungen, suggestive Augenblicksekstasen, »direkte Poesie, elektrisch verstärktNeben der Aggressivität des Berserkers Brinkmann war aber stets auch eine Sehnsucht nach Weite, Licht, Stille zu spüren. »Wer hat gesagt, daß sowas Leben / ist? Ich gehe in ein anderes Blau« (Gedichtband »Westwärts 1 & 2«).
In den »Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand« liegt die Zäsur für Brinkmanns Rückzug aus der Öffentlichkeit. Der Mainstreammarkt hatte sich den Underground einverleibt, (Das A im Kreis gab es mittlerweile als Aufkleber bei cri-cri.) viele der Revolutionäre blieben auf dem Weg durch die Institutionen auf der gutbürgerlichen Strecke hängen. Die Toscana-Fraktion setzte bei Chianti und Trüffel rosige Bütighofer-Bäckchen an, während der arme Poet in der Beengtheit der Kölner Engelbertstraße langsam vor die Hunde ging. Seine Frau Maleen war im Examensstreß; der behinderte Sohn Robert bedurfte der besonderen Zuwendung; die Angst vor Zwangsräumung schwebte über der Familie, Zahlungsbefehle zerrten an den Nerven, ein Leben auf Pump. Brinkmanns Alltag war eine einzige Demütigung.

Als Stipendiat der Villa Massimo 1972/73, (damals durften die Ehegatten der Stipendiaten noch nicht mitkommen. Brinkmann musste also Frau und Kind zu Hause lassen, um das Stipendium nicht zu verlieren.) legte er sich mit jedem an, der ihm vor die Flinte lief; Frau Wolken, die damalige Leiterin der idyllischen Enklave war damals mit ihren Nerven am Ende, und fürchtete nicht nur um ihre Leuchten im Park, die Brinkmann nachts in Rage zu zerschmeissen pflegte. Der kraftvolle Ertrag der römischen Tristesse erschien erst nach seinem Tod unter dem Titel »Rom, Blicke« (1979). Aber Vechta ist überall; die Ewige Stadt wird dem wild um sich Schlagenden zum Sinnbild für alles, was er an der »Ziviellisation« hasste. Dagegen erlebte er 1974 die Zeit als visiting writer an der University of Texas in Austin 1974, wie die »Briefe an Hartmut« (1999) zeigen, als großes Glück, als letzten Versuch eines Befreiungsschlags.

»Mich kümmert einen Scheißdreck, wenn ich tot bin, der Tod oder der Begriff Tod ist ne blöde ErfindungWenige Monate später ist Brinkmann tot. »Das Gras ist verblaßt. Jetzt wird es Zeit, sich auf einen Unfall vorzubereiten, der nichts Erschreckendes für mich haben wird«, schrieb erals habe er seinen frühen Tod geahnt. Als er am 23. April 1975 die Bayswater Street in London überqueren will, wird er von einem Auto überfahren. Teile des deutschen Feuilleton konnten es damals nicht lassen, ihm hämisch nachzurufen, er hätte besser auf den Linksverkehr achten sollen.

Herbert Debes


»Ist die Gegenwart ein Gangsterfilm?«
Über Rolf Dieter Brinkmann und seine »Tätigkeit des Schreibens als Widerstand gegen das Herumtoben der Welt«

Als Westwärts 1 & 2 im Mai 1975, nur wenige Tage nachdem Rolf Dieter Brinkmann bei einem Verkehrsunfall in London ums Leben gekommen war, erschien, war dies eine literarische Sensation. Aus deutscher Feder hatte man solche Texte bislang noch nicht gelesen. Es war die erste Publikation, die das zum »enfant terrible« erklärte »Wunderkind« des damaligen deutschsprachigen Literaturbetriebes nach fünf Jahren des Schweigens vorgelegt hatte.
Inzwischen hat der Lyrikband einen kanonischen Stellenwert erlangt, und Rolf Dieter Brinkmann ist post mortem zur poetischen Kultfigur avanciert. Nach 30 Jahren ist nun endlich eine erweiterte Neuausgabe erschienen, welche erstmals die von Brinkmann ursprünglich projektierte Gestalt von Westwärts 1 & 2 zugänglich macht.
In der Ausgabe von 1975 mußte Brinkmann auf Drängen des Verlages 23 Langgedichte und ein 89 Seiten umfassendes, illustriertes Nachwort herausnehmen. Wie es heißt, ließen die »Publikationsbedingungen der Zeit« es nicht anders zu. Ein schlechter Witz, erinnert man die Lebensbedingungen, unter welchen Brinkmann seine Texte produzieren mußte: »Wie wir durchkommen, ist mir oft selbst unklar. Die ganze Gegend, die Bekannten, sind alle abgepumpt. (...) eines Morgens stehtn Polizist vom Gas&Elektr. Werk vor der Tür und will den Strom abkneifen, dauernd Mahnungen, Drohungen, Rechnungen, Zahlungsbefehl.« Brinkmann hatte die Erstausgabe von Arno Schmidts Zettels Traum versetzt, um die Fotoabzüge für den Gedichtband bezahlen zu können. »Es ist ein subjektives Buch, ohne Rücksicht auf die herrschende literarischen Konventionen, und kann ebensogut als ein zusammenhängendes Prosabuch wie Essaybuch gelesen werden
Der Text für die Verlagsankündigung, den Brinkmann damals telefonisch durchgab, beschrieb exakt, was auf den Leser zukommen sollte: »Stadtszenen und Landschaften, autobiographische Bruchstücke und fiktive Biographien, vermischt mit Briefstellen, Zeilen aus Rock'n'roll-Liedern und Fragmente aus Unterhaltungen, Erinnerungen und Lektüre machen die Gedichte, die oft lange auschweifende und abschweifende, rauschhafte Texte sind, zu einem intensiven Erlebniswirbel. Manche Gedichte sind dagegen wieder so einfach wie Rock'n'roll-Lieder
Vieles, was in dem aufrührenden Taumel der 60er & 70er Jahren an Texten und bewegten Bildern entstanden ist, hat sich heute überlebt, erweist sich neubesehen als substanzlos oder zeitgeistliches Geschwätz. Die Gedichte & Prosatexte von Rolf Dieter Brinkmann, seine Collagen & Aufzeichnungen haben von ihrer Aktualität und Qualität nichts eingebüßt. Sein gnadenloser Blick auf die Alltagswelten und die Mechanismen ihrer Zernutzung, festgehalten in lyrischen Tiraden, Liedern, Photos, ist zornig, traurig, zärtlich, aber immer mit einer schmerzenden Genauigkeit, wie die unbestechlichen Ausschläge eines Seismographen.
Und man fragt sich unweigerlich, wie hat dieser hochsensible Mensch, diese permanent unter Strom stehende Wahrnehmungsmaschine es nur in seiner Haut ausgehalten. Brinkmanns Arbeit war auch ein permanenter Prozess der Vergewißerung seiner selbst, ein Forschen nach neuen Schreibtechniken und -haltungen.
Diesen Prozeß kann man jetzt nachvollziehen. Auf
29 Tonbänder, Magnetbandspulen, fast alle in den originalen Schubern verpackt, mit numerierten Aufklebern, beiliegend bekritzelte Zettel, handschriftliche stichwortartige Notizen befindet sich der Audio-Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann. Die Numerierung stammt von der Witwe Maleen Brinkmann, die 30 Jahre nach dem Tod des Dichters,