Hickel for President. Der Bremer Wirtschaftsprofessor hat im Fernsehen sein Coming out. Tagesthemen, Arte, Maischberger. Überall Rudolf Hickel, freundlich lächelnd, zu langen Redeflüssen und publikumsfreundlichen Erklärungen ausholend. Was ein Derivat ist. Was Leerverkäufe sind und warum sie verboten gehören usw. Lange Jahre wurde der Finanzwissenschaftler, Politökonom und Direktor des Bremer Instituts für Arbeit und Wirtschaft als letzter Keynesianer von den Neoliberalen belächelt und nur selten in Talkshows nach seiner Sicht der Dinge gefragt. Jetzt hat der Warner Hickel recht gehabt.
Und wohin sind eigentlich Experten wie Hans Werner Sinn verschwunden, immerhin Präsident des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler? Wo bleiben die Herren Miegel und Straubhaar? Haben sie derzeit nichts zu sagen? Oder umgekehrt: Warum eigentlich holen die Fernsehjournalisten nicht eben diese exponierten Vertreter der neoliberalen Wirtschaftstheologie auf den Bildschirm, um nach dem Verbleib ihrer Empfehlungen zu fragen?
Die Antwort ist vielleicht ganz einfach. Weil dann auch zu Tage träte, dass der Wirtschaftsjournalismus im Fernsehen komplett versagt hat. Man denke nur daran, wer alles bei Sabine Christiansen jahrelang die neoliberalen Gebetsbücher auslegen durfte. Dagegen wurden all jene wichtigen Themen ignoriert, auf die Hickel jetzt eine Antwort geben darf, und die so mancher gern schon viel früher auf seinem Schirm gehabt hätte.
Wirtschaftsthemen sind gekappt worden auf Service und Börsen-Kurzberichte. Darüber sollte zu reden sein. Aber nichts ist im Fernsehen unbeliebter, als sich Gedanken über die eigene Kurzsichtigkeit zu machen. So erklärt sich die rasante TV-Karriere des Bremer Wirtschaftsprofessors auch damit, dass dank seiner Präsenz die Journalisten nun so tun können, als hätten sie nie anders als kritisch über das Finanzsystem berichtet.

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