IASLonline Lektionen in NetArt


Thomas Dreher

Link, Filter und Informationsfreiheit:
ODEM


Dragan Espenschied und Alvar C. H. Freude thematisieren seit 1999 Link und Filterfunktionen als zentrale Aspekte des Internet.

Der Assoziations-Blaster (seit 1999) ist ein äußerst populäres Mitschreibeprojekt, in dessen deutscher Fassung User bisher 327900 Beiträge und 23682 Stichwörter hinterließen (Statistik, 27.10.2002; am 5.6.2004: 506884 Texte zu 38794 Stichwörtern; am 9.10.2006:723154 Texte zu 56475 Stichwörtern). Beiträge werden miteinander in einer labyrinthischen, Assoziationen provozierenden Weise verlinkt. Ein Filter hilft, die Bewertungen von Usern als Auswahlkriterium einzusetzen.

Weitere Projekte sind heute in die Plattform ODEM integriert, die Espenschied, Freude, Andreas Milles und Jörg-Olaf Schäfers betreuen. Die derzeitigen Aktionsbereiche von "ODEM" sind: der Einsatz für Link-Freiheit und die Verhinderung von Verfügungen, die den Einsatz von Filterfunktionen anordnen.

"Odem" begegnet der Forderung von staatlichen Stellen, Verbindungen zu illegalen Inhalten durch Filterfunktionen zuvor zu kommen, die den Empfang dieser Inhalte verhindern. Die Initiativen von "ODEM" versuchen, den Umbau der deterritorialen Netzarchitektur durch Reterritorialisierung via lokaler Sperrungen zu verhindern.

Korporationen fordern zur Durchsetzung ihrer Verwertungsmechanismen von Copyrightansprüchen dieselben oder ähnliche Reterritorialisierungsmaßnahmen, wie sie staatliche Institutionen in Deutschland fordern. Ansprüche der Inhaber von Urheberrechten und Bestrebungen, die Verbreitung von unerlaubten Inhalten zu unterbinden, führen in Deutschland zu Restriktionen, die die Informationsfreiheit einschränken, die Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert.

Zwischen der Verwendung eines Filters im "Assoziations-Blaster" als von Usern einstellbares Spielkriterium in einem kollaborativen Netzwerk und ODEMs Intitiativen gegen den verordneten Einsatz von Filterfunktionen, zwischen dem spielerischen Ausloten von Medienmöglichkeiten und dem politischen Einsatz für den Erhalt dieser Möglichkeiten, liegt eine für den heutigen Stand der Netzkunst beispielhafte Entwicklung: Die Thematisierung des Mediengebrauchs wird mindestens so wichtig wie die Auslotung der Medienmöglichkeiten.

Der "Assoziations-Blaster" von Espenschied und Freude (seit 1999) ist ein Mitschreibeprojekt ohne jede thematische Vorgabe und Einschränkung. Der Blaster ermöglicht es Partizipanten nach drei Beiträgen in Schreibfenster, neue Stichwörter hinzu zu fügen. Die Schreibfenster erscheinen unter den vorhandenen Beiträgen.

Links werden automatisch in alle Beiträge so eingefügt, dass Worte der Texte mit gleichlautenden Stichwörtern (Überschriften bzw. Topics/Etiketten von Beiträgen) verknüpft werden: Wer einen mit Link versehenen Begriff in einem der Beiträge anklickt, dem wird nach einer Zufallsauswahl einer der Beiträge zugespielt, die den angeklickten Begriff als Etikett enthalten.

Da es keinen Stichwortindex gibt, findet der User auf der Homepage Stichwort-Vorschläge für den Einstieg. Nach dem Einstieg führen sowohl die Links in den Einträgen weiter als auch die "Flucht-Links". "Flucht-Links" helfen besonders bei kurzen Einträgen ohne Links oder mit wenigen, nicht unbedingt anregenden Links weiter.

User bewegen sich entweder durch ein Textlabyrinth oder sie suchen mittels Stichworteingabe. Mit Roland Illigs Blaster-Browser konnten Einträge mit identischem Stichwort nacheinander abgerufen werden.

Der "Connectionmaker" lässt sich auch mittels Web-Blaster auf jede beliebige URL-Adresse anwenden. Über die Links unter Blaster-externe Texte können User wieder Wege zurück zum Blaster-Archiv finden: Der externe Text wird mittels "Web-Blaster" zum "Portal".

Die Automatisierung der Links im "Assoziations-Blaster", die bei jeder Erweiterung des Stichwortarchivs die Links in allen Beiträgen verändert, führt zur Desemantisierung der Verknüpfungen. Mittels dieser Desemantisierung und mittels Zufallsselektion der Beiträge verhindert der "Assoziations-Blaster" nach Christiane Heibach "jegliche `Sinnkonstruktion´". 1 Entsemantisiert ist die Verknüpfungsfunktion, nicht aber der durch sie ermöglichte Gebrauch des Verknüpften. Also entstehen zwischen vorher und nachher gelesenen Beiträgen Beziehungen: Jeder Link verbindet Wörter mit unterschiedlichen semantischen Feldern: Anapher und Katapher. Usern können Kombinationen (von Teilen) der Bedeutungsfelder neue Einsichten eröffnen. Diese Einsichten können User wiederum in neuen Beiträgen ausdrücken. Also gibt es doch "Sinnkonstruktionen", die auch ihren Niederschlag im "Assoziations-Blaster" finden. Es handelt sich eher um eine Pluralisierung und Fortschreibemöglichkeit von "Sinnkonstruktionen" als um eine Verhinderung.

Außerdem sind Beiträge bewertbar. Wenn User einige Beiträge geschrieben haben, erhalten sie Bewertungspunkte, die sie an Beiträge als Plus- oder Minus-Punkte vergeben können. Die Kriterien, nach denen User Punkte erhalten, sind nach Freude vielfältig. Die Länge der eingegebenen Beiträge und die dafür erhaltenen Bewertungen spielen eine Rolle: "Im Prinzip kriegt man für längere Texte mehr Punkte, bis zu ca. 30 auf einmal." (Freude, e-mail, 29.10.2002) Die Summe der Bewertungen zeigt der Blaster bei jedem Beitrag an. Ein Filter ermöglicht Usern seit Frühjahr 2000 eine Vorauswahl: User können Wertungen einstellen, ab denen Eintragungen ausgeblendet werden.

Active Link und Insert Coin

Active Link heißt sowohl eine Website als auch Deutschlands erste Online-Demonstration. 2 Am 29.6.2000, zwischen 21.25 und 22.00 Uhr, realisierten 150 Teilnehmer ein virtuelles Sit In. Sie starteten mit Freudes Demonstrations-Software Zugriffe auf die Website des Bundesministeriums der Justiz. Bei der geringen Anzahl der Teilnehmer wurde der Webserver nur `entschleunigt´. Blockiert werden kann die mit Zugriffen beschickte Website mit Freudes Programm erst, wenn die Anzahl der Teilnehmer "in die Tausende" geht. 3

Die Online-Demonstration machte auf das ungelöste Problem der rechtlichen Verantwortung der Link-Setzenden für die Inhalte der direkt oder indirekt (über weitere Links) verknüpften Seiten aufmerksam und plädierte für freie Link-Verwendung.

Für die Notwendigkeit nicht restriktiver Verknüpfungsmöglichkeiten plädierte bereits Tim Berners-Lee. Er unterscheidet zwischen Inhalten anderer Sites, die mittels Frames integriert wurden, und verlinkten Inhalten. Letztere sollen so frei sein wie Literaturhinweise. 4 Besonders akut wird das Problem der Links durch Anbieter von Diensten und Waren, die nur Links auf ihre Homepage zulassen und Deep Links auf einzelne Seiten ihrer Websites verbieten wollen. Der Grund, weshalb sie vorhandene Rechtsmittel zur Steuerung der Links ausnutzen, und damit die Netzarchitektur gefährden, die alles mit allem verknüpfbar macht, liegt in den Werbeframes, die beim Quereinstieg in Seiten einer Site ausgeblendet sind. Teilnehmer konnten den Demonstrator abladen und durch ihre Anmeldung bei einem Demo-Portal aktivieren. Freude hat eine gutmütige Alternative zu DDoS (Distributed Denial-of-Service) Angriffen geschaffen. Freudes Demonstrator hat die Programmierung der besetzten Seite nicht modifiziert. Außerdem waren der Zeitpunkt der Aktion und die Namen der Teilnehmer bekannt. Außerhalb der Demonstrationszeit ist das Programm nicht aktivierbar. Um Missbrauch auszuschließen, hat Freude den Quellcode nicht veröffentlicht. Aus dem selben Grund stellt er den "Demonstrator" derzeit auch nicht im Netz zum Abspeichern zur Verfügung.

In die Unterschriftenliste für eine Rechtsprechung, die Linkfreiheit sichert, konnten sich User wegen der unverminderten Aktualität des Problems eintragen.

Espenschied und Freude realisierten Insert Coin (ab 6.10.2000) an der Stuttgarter Merz Akademie als Abschlussarbeit bei Prof. Olia Lialina. Die Arbeit untersuchte die Manipulierbarkeit des Datenstroms im Internet und die Medienkompetenz der Studenten.

Zwischen Rechner mit Firewall und Arbeitsplatz-Rechnern schalteten Espenschied und Freude einen Server (sogenannter Studenten-Server), der die Kontrolle des Datenflusses der Akademie erlaubte. Sie manipulierten unerkannt die Datenfernübertragungseinstellungen von Arbeitsplatz-Rechnern: Die Internetverbindungen wurden über einen Proxy geleitet, der in dem als neuer Netzknoten eingerichteten Studenten-Server installiert war. Der mittels Proxy installierte Filter diente zur Vertauschung von URL-Adressen (z. B. Spiegel gegen Focus, und umgekehrt) und zur Veränderung von Texten (Austausch von "Schröder" gegen "Stoiber", "Violence" gegen "Love" usw., und umgekehrt).

Espenschied und Freude integrierten in die häufig von Studenten benutzten Suchsysteme ein Meldeformular. Das Formular erschien auf jeder gesuchten Seite und forderte dazu auf, den Charakter der Seite als "pornografisch, rassistisch..." zu indizieren: User konnten ihre Klassifikationen den Betreibern der Suchsysteme melden. Auch Veränderungen der Maildienste wurden vorgenommen. Die Website zu "Insert Coin" stellt auf der Seite Manipulationen und Reaktionen diese und weitere Eingriffe vor.

Nach einem Ausfall des Studenten-Servers entdeckten die Netzwerktechniker am 6.12.2000 die Manipulation, als sie feststellten, dass an allen mit diesem Server verbundenen Arbeitsplatz-Rechnern "keine Web-Zugriffe mehr möglich waren". Im Laufe des Ausfalltages wurde die Internetunterbrechung beseitigt. Deshalb informierte Lialina die Technische Assistenz und die Verwaltung über die Aktion ihrer Studenten.

Der Leiter der Medienwerkstatt behauptete, der Proxy hätte es ermöglicht, alle Daten mitzuprotokollieren. Espenschied und Freudes Bekanntgabe des Projektes enthielt eine Gegendarstellung und einen Link zu einer Deaktivierungs-Anweisung für die Einstellungen an den Arbeitsplatz-Rechnern, die zum Proxy führten. Die Filter-Funktionen waren trotzdem noch Februar/März 2001 auf vielen Arbeitsplatz-Rechnern intakt, bis eine Netzwerkumstellung erfolgte und alle Rechner neu konfiguriert wurden.

Einerseits war die Aktion von Espenschied und Freude eine praktische Übertretung, die zeigt, dass User sich mit medienspezifischen Funktionen auseinander setzen müssen, weil anders keine Gewißheit über die Art des Datenempfangs zu gewinnen ist.
Andererseits weisen die Koinitiatoren ihre Aktion als Modell-Vorführung aus, die zeigt, was nicht Netzalltag werden soll: Ihre Auswertung (Die Standardisierung der Zensur, Kontrolle über das Kopieren) steckt Möglichkeiten ab, in die Datenströme durch Filter und andere Maßnahmen regulierend einzugreifen, und vergleicht dies mit zeitgenössischen Versuchen von staatlicher und privater Seite, die Datenströme zu regulieren.

Jede Seite der Site "Insert Coin" kann von Usern kommentiert werden. Einige Kommentare thematisieren das Problem, warum Espenschied und Freude ausführten, was andere nicht tun sollen. Ein User-Kommentar beklagt, die verdeckte Manipulation des Informationszugangs sei rechtswidrig, was in einem weiteren Kommentar bestritten wird.

Anfang Februar 2002 verschickte die Bezirksregierung Düsseldorf, der die Medienaufsichtsstelle Nordrhein-Westfalen unterstellt ist, eine Sperrungsverfügung gegen 76 Provider des Bundeslandes. Die Provider sollten Zugänge zu zwei Websites neofaschistischen Inhalts sperren: die Websites stormfront.org und nazi-lauck-nsdapao.com. Die amerikanischen Content Provider dieser Websites haben auf Aufforderungen der Medienaufsichtsstelle, die Sites zu entfernen, nicht reagiert.

Die Medienaufsichtsstelle stützt ihre Verfügung auf den von den Bundesländern 1997 verabschiedeten Mediendienstestaatsvertrag (MDStV). In diesem Vertrag sind in §8 die unzulässigen Angebote aufgeführt, darunter "Haß gegen Teile der Bevölkerung", Verherrlichung von Gewalt und Krieg, Pornographie und Verletzung der Menschenwürde.

Mediendienste (wie zum Beispiel Videotext) liefern laufend aktualisierte Meldungen, während die Verfügung anordnet, Sites zu sperren, die in der Art der Information und der Darstellung als normale Websites anzusehen sind. Über die Zuständigkeit des Mediendienstestaatsvertrags weichen die Ansichten zwischen der Bezirksregierung und einigen Juristen ab: Thomas Hoeren und Dirk Schumacher halten das Teledienstegesetz (TDG) für anwendbar, nicht aber den MDStV. 5 Die Einordnung der Dienste der Access Provider wie der zu sperrenden Sites als Mediendienste ist in diesem Musterstreit, der von der Bezirksregierung stellvertretend für alle Bundesländer durchgeführt wird, höchst fragwürdig.

Der MDStV befreit in §5 (3) Provider von der Verantwortung für die Inhalte, für die sie "Zugang zur Nutzung vermitteln". Die