IASLonline Lektionen in NetArt
Dragan Espenschied und Alvar
C. H. Freude thematisieren seit 1999 Link und Filterfunktionen als
zentrale Aspekte des Internet.
Der Assoziations-Blaster (seit 1999)
ist ein äußerst populäres Mitschreibeprojekt, in dessen
deutscher Fassung User bisher 327900 Beiträge und 23682 Stichwörter
hinterließen (Statistik,
27.10.2002; am 5.6.2004: 506884 Texte zu 38794 Stichwörtern; am 9.10.2006:723154
Texte zu 56475 Stichwörtern). Beiträge werden miteinander in
einer labyrinthischen, Assoziationen provozierenden Weise verlinkt. Ein
Filter hilft, die Bewertungen von Usern als Auswahlkriterium einzusetzen.
Weitere Projekte sind heute in die Plattform ODEM
integriert, die Espenschied, Freude, Andreas Milles und Jörg-Olaf
Schäfers betreuen. Die derzeitigen Aktionsbereiche von "ODEM"
sind: der Einsatz für Link-Freiheit und die Verhinderung von Verfügungen,
die den Einsatz von Filterfunktionen anordnen.
"Odem" begegnet der Forderung von staatlichen Stellen, Verbindungen
zu illegalen Inhalten durch Filterfunktionen zuvor zu kommen, die den
Empfang dieser Inhalte verhindern. Die Initiativen von "ODEM"
versuchen, den Umbau der deterritorialen Netzarchitektur durch Reterritorialisierung
via lokaler Sperrungen zu verhindern.
Korporationen fordern zur Durchsetzung ihrer Verwertungsmechanismen von
Copyrightansprüchen dieselben oder ähnliche Reterritorialisierungsmaßnahmen,
wie sie staatliche Institutionen in Deutschland fordern. Ansprüche
der Inhaber von Urheberrechten und Bestrebungen, die Verbreitung von unerlaubten
Inhalten zu unterbinden, führen in Deutschland zu Restriktionen,
die die Informationsfreiheit einschränken, die Artikel
5 des Grundgesetzes garantiert.
Zwischen der Verwendung eines Filters im "Assoziations-Blaster"
als von Usern einstellbares Spielkriterium in einem kollaborativen Netzwerk
und ODEMs Intitiativen gegen den verordneten Einsatz von Filterfunktionen,
zwischen dem spielerischen Ausloten von Medienmöglichkeiten und dem
politischen Einsatz für den Erhalt dieser Möglichkeiten, liegt
eine für den heutigen Stand der Netzkunst beispielhafte Entwicklung:
Die Thematisierung des Mediengebrauchs wird mindestens so wichtig wie
die Auslotung der Medienmöglichkeiten.
Der "Assoziations-Blaster" von Espenschied und Freude (seit
1999) ist ein Mitschreibeprojekt ohne jede thematische Vorgabe und Einschränkung.
Der Blaster ermöglicht es Partizipanten nach drei Beiträgen in Schreibfenster,
neue Stichwörter hinzu zu fügen. Die Schreibfenster erscheinen unter
den vorhandenen Beiträgen.
Links werden automatisch in alle Beiträge so eingefügt, dass Worte
der Texte mit gleichlautenden Stichwörtern (Überschriften bzw.
Topics/Etiketten von Beiträgen) verknüpft werden: Wer einen
mit Link versehenen Begriff in einem der Beiträge anklickt, dem wird nach
einer Zufallsauswahl einer der Beiträge zugespielt, die den angeklickten
Begriff als Etikett enthalten.
Da es keinen Stichwortindex gibt, findet der User auf der Homepage
Stichwort-Vorschläge für den Einstieg. Nach dem Einstieg führen
sowohl die Links in den Einträgen weiter als auch die "Flucht-Links".
"Flucht-Links" helfen besonders bei kurzen Einträgen ohne
Links oder mit wenigen, nicht unbedingt anregenden Links weiter.
User bewegen sich entweder durch ein Textlabyrinth oder sie suchen mittels
Stichworteingabe. Mit Roland Illigs Blaster-Browser konnten Einträge
mit identischem Stichwort nacheinander abgerufen werden.
Der "Connectionmaker" lässt sich auch mittels Web-Blaster
auf jede beliebige URL-Adresse anwenden. Über die Links unter Blaster-externe
Texte können User wieder Wege zurück zum Blaster-Archiv finden:
Der externe Text wird mittels "Web-Blaster" zum "Portal".
Die Automatisierung der Links im "Assoziations-Blaster",
die bei jeder Erweiterung des Stichwortarchivs die Links in allen Beiträgen
verändert, führt zur Desemantisierung der Verknüpfungen. Mittels dieser
Desemantisierung und mittels Zufallsselektion der Beiträge verhindert
der "Assoziations-Blaster" nach Christiane Heibach "jegliche
`Sinnkonstruktion´". 1 Entsemantisiert ist die Verknüpfungsfunktion,
nicht aber der durch sie ermöglichte Gebrauch des Verknüpften.
Also entstehen zwischen vorher und nachher gelesenen Beiträgen Beziehungen:
Jeder Link verbindet Wörter mit unterschiedlichen semantischen Feldern:
Anapher
und Katapher.
Usern können Kombinationen (von Teilen) der Bedeutungsfelder neue
Einsichten eröffnen. Diese Einsichten können User wiederum in
neuen Beiträgen ausdrücken. Also gibt es doch "Sinnkonstruktionen",
die auch ihren Niederschlag im "Assoziations-Blaster" finden.
Es handelt sich eher um eine Pluralisierung und Fortschreibemöglichkeit
von "Sinnkonstruktionen" als um eine Verhinderung.
Außerdem sind Beiträge bewertbar. Wenn User einige Beiträge
geschrieben haben, erhalten sie Bewertungspunkte, die sie an Beiträge
als Plus- oder Minus-Punkte vergeben können. Die Kriterien, nach
denen User Punkte erhalten, sind nach Freude vielfältig. Die Länge
der eingegebenen Beiträge und die dafür erhaltenen Bewertungen
spielen eine Rolle: "Im Prinzip kriegt man für längere
Texte mehr Punkte, bis zu ca. 30 auf einmal." (Freude, e-mail, 29.10.2002)
Die Summe der Bewertungen zeigt der Blaster bei jedem Beitrag an. Ein
Filter ermöglicht Usern seit Frühjahr 2000 eine Vorauswahl:
User können Wertungen einstellen,
ab denen Eintragungen ausgeblendet werden.
Active
Link heißt sowohl eine Website als auch Deutschlands erste Online-Demonstration.
2 Am 29.6.2000, zwischen 21.25 und 22.00 Uhr, realisierten
150 Teilnehmer ein virtuelles Sit In. Sie starteten mit Freudes Demonstrations-Software
Zugriffe auf die Website des Bundesministeriums der Justiz. Bei der geringen
Anzahl der Teilnehmer wurde der Webserver nur `entschleunigt´. Blockiert
werden kann die mit Zugriffen beschickte Website mit Freudes Programm
erst, wenn die Anzahl der Teilnehmer "in die Tausende" geht.
3
Die Online-Demonstration machte auf das ungelöste Problem der rechtlichen
Verantwortung der Link-Setzenden für die Inhalte der direkt oder
indirekt (über weitere Links) verknüpften Seiten aufmerksam
und plädierte für freie Link-Verwendung.
Für die Notwendigkeit nicht restriktiver Verknüpfungsmöglichkeiten
plädierte bereits Tim Berners-Lee. Er unterscheidet zwischen Inhalten
anderer Sites, die mittels Frames integriert wurden, und verlinkten Inhalten.
Letztere sollen so frei sein wie Literaturhinweise. 4
Besonders akut wird das Problem der Links durch Anbieter von Diensten
und Waren, die nur Links auf ihre Homepage zulassen und Deep
Links auf einzelne Seiten ihrer Websites verbieten wollen. Der Grund,
weshalb sie vorhandene Rechtsmittel zur Steuerung der Links ausnutzen,
und damit die Netzarchitektur gefährden, die alles mit allem verknüpfbar
macht, liegt in den Werbeframes, die beim Quereinstieg in Seiten einer
Site ausgeblendet sind. Teilnehmer konnten den Demonstrator
abladen und durch ihre Anmeldung bei einem Demo-Portal aktivieren. Freude
hat eine gutmütige Alternative zu DDoS
(Distributed Denial-of-Service) Angriffen geschaffen. Freudes Demonstrator
hat die Programmierung der besetzten Seite nicht modifiziert. Außerdem
waren der Zeitpunkt der Aktion und die Namen der Teilnehmer bekannt. Außerhalb
der Demonstrationszeit ist das Programm nicht aktivierbar. Um Missbrauch
auszuschließen, hat Freude den Quellcode nicht veröffentlicht.
Aus dem selben Grund stellt er den "Demonstrator" derzeit auch
nicht im Netz zum Abspeichern zur Verfügung.
In die Unterschriftenliste
für eine Rechtsprechung, die Linkfreiheit sichert, konnten sich User
wegen der unverminderten Aktualität des Problems eintragen.
Espenschied und Freude realisierten Insert
Coin (ab 6.10.2000) an der Stuttgarter Merz Akademie als Abschlussarbeit
bei Prof. Olia Lialina. Die
Arbeit untersuchte die Manipulierbarkeit des Datenstroms im Internet und
die Medienkompetenz der Studenten.
Zwischen Rechner mit Firewall und Arbeitsplatz-Rechnern schalteten Espenschied
und Freude einen Server (sogenannter Studenten-Server),
der die Kontrolle des Datenflusses der Akademie erlaubte. Sie manipulierten
unerkannt die Datenfernübertragungseinstellungen von Arbeitsplatz-Rechnern:
Die Internetverbindungen wurden über einen Proxy geleitet, der in
dem als neuer Netzknoten eingerichteten Studenten-Server installiert war.
Der mittels Proxy installierte Filter diente zur Vertauschung von URL-Adressen
(z. B. Spiegel gegen Focus, und umgekehrt) und zur Veränderung von
Texten (Austausch
von "Schröder" gegen "Stoiber", "Violence"
gegen "Love" usw., und umgekehrt).
Espenschied und Freude integrierten in die häufig von Studenten
benutzten Suchsysteme ein Meldeformular. Das Formular erschien auf jeder
gesuchten Seite und forderte dazu auf, den Charakter der Seite als "pornografisch,
rassistisch..." zu indizieren: User konnten ihre Klassifikationen
den Betreibern der Suchsysteme melden. Auch Veränderungen der Maildienste
wurden vorgenommen. Die Website zu "Insert Coin" stellt auf
der Seite Manipulationen
und Reaktionen diese und weitere Eingriffe vor.
Nach einem Ausfall des Studenten-Servers entdeckten die Netzwerktechniker
am 6.12.2000 die Manipulation, als sie feststellten, dass an allen mit
diesem Server verbundenen Arbeitsplatz-Rechnern "keine Web-Zugriffe
mehr möglich waren". Im Laufe des Ausfalltages wurde die Internetunterbrechung
beseitigt. Deshalb informierte Lialina die Technische Assistenz und die
Verwaltung über die Aktion ihrer Studenten.
Der Leiter der Medienwerkstatt behauptete, der Proxy hätte es ermöglicht,
alle Daten mitzuprotokollieren. Espenschied und Freudes Bekanntgabe
des Projektes enthielt eine Gegendarstellung und einen Link zu einer
Deaktivierungs-Anweisung für die Einstellungen an den Arbeitsplatz-Rechnern,
die zum Proxy führten. Die Filter-Funktionen waren trotzdem noch
Februar/März 2001 auf vielen Arbeitsplatz-Rechnern intakt, bis eine
Netzwerkumstellung erfolgte und alle Rechner neu konfiguriert wurden.
Einerseits war die Aktion von Espenschied und Freude eine praktische
Übertretung, die zeigt, dass User sich mit medienspezifischen Funktionen
auseinander setzen müssen, weil anders keine Gewißheit über
die Art des Datenempfangs zu gewinnen ist.
Andererseits weisen die Koinitiatoren ihre Aktion als Modell-Vorführung
aus, die zeigt, was nicht Netzalltag werden soll: Ihre Auswertung (Die
Standardisierung der Zensur, Kontrolle
über das Kopieren) steckt Möglichkeiten ab, in die Datenströme
durch Filter und andere Maßnahmen regulierend einzugreifen, und
vergleicht dies mit zeitgenössischen Versuchen von staatlicher und
privater Seite, die Datenströme zu regulieren.
Jede Seite der Site "Insert Coin" kann von Usern kommentiert
werden. Einige Kommentare thematisieren das Problem, warum Espenschied
und Freude ausführten, was andere nicht tun sollen. Ein User-Kommentar
beklagt, die verdeckte Manipulation des Informationszugangs sei rechtswidrig,
was in einem weiteren Kommentar
bestritten wird.
Anfang Februar 2002 verschickte die Bezirksregierung Düsseldorf,
der die Medienaufsichtsstelle Nordrhein-Westfalen unterstellt ist, eine
Sperrungsverfügung
gegen 76 Provider des Bundeslandes. Die Provider sollten Zugänge
zu zwei Websites neofaschistischen Inhalts sperren: die Websites stormfront.org
und nazi-lauck-nsdapao.com. Die amerikanischen Content Provider dieser
Websites haben auf Aufforderungen der Medienaufsichtsstelle, die Sites
zu entfernen, nicht reagiert.
Die Medienaufsichtsstelle stützt ihre Verfügung auf den von
den Bundesländern 1997 verabschiedeten Mediendienstestaatsvertrag
(MDStV). In diesem
Vertrag sind in §8 die unzulässigen Angebote aufgeführt,
darunter "Haß gegen Teile der Bevölkerung", Verherrlichung
von Gewalt und Krieg, Pornographie und Verletzung der Menschenwürde.
Mediendienste (wie zum Beispiel Videotext) liefern
laufend aktualisierte Meldungen, während die Verfügung anordnet,
Sites zu sperren, die in der Art der Information und der Darstellung als
normale Websites anzusehen sind. Über die Zuständigkeit des
Mediendienstestaatsvertrags weichen die Ansichten zwischen der Bezirksregierung
und einigen Juristen ab: Thomas Hoeren und Dirk Schumacher halten das
Teledienstegesetz (TDG)
für anwendbar, nicht aber den MDStV. 5 Die Einordnung
der Dienste der Access Provider wie der zu sperrenden Sites als Mediendienste
ist in diesem Musterstreit, der von der Bezirksregierung stellvertretend
für alle Bundesländer durchgeführt wird, höchst fragwürdig.
Der MDStV befreit in §5
(3) Provider von der Verantwortung für die Inhalte, für die
sie "Zugang zur Nutzung vermitteln". Die