Zentrale Thesen des dritten Weges (via Web-Blaster/2.21)
Betrachtet man die Geschichte der Ideologien aus dialektischer Sicht, so
wird es offensichtlich, ja unvermeidlich, daß das herrschende
materialistische Weltbild mit seinen beiden Äußerungsformen Kommunismus und
Kapitalismus durch etwas neues ersetzt werden muß.
Die Dialektik ist ein menschlicher Denkprozeß:, wonach etwas, das als schlecht
erkannt wurde, am besten durch sein Gegenteil, das dann ja gut sein sollte,
ersetzt werden muß. So trat an die Stelle des Hauptprinzips Geist, das durch
die Kirche vor der Französischen Revolution repräsentiert wurde, die Materie.
Diesseitiges Denken ersetzte jenseitiges Denken. Die Weltabgewandtheit, die
Vergeistigung des ganzen Lebens, die totale Bindung der Menschen wurde
durch ihr genaues Gegenteil abgelöst. Weltbejahung, die Naturwissenschaften,
Bindungslosigkeit waren die grundlegenden Stichworte des neu auftretenden
Materialismus.
Dieser erreichte einen ersten Höhepunkt im Früh- oder Manchesterkapitalismus.
Die Widersprüche, das tiefe menschliche, vor allem materielle Elend, das
diese Form des Kapitalismus auslöste, versuchte Marx dadurch aufzuheben,
indem er die eine Form des Materialismus, den Kapitalismus durch eine andere
Form des Materialismus, den Kommunismus ersetzte. Dabei orientierte er sich
an der Hauptwiderspruchslinie Arbeit/Kapital, die er im Sinne der Arbeit
aufzulösen versuchte. Da der Kapitalismus das Elend verursachte, mußte sein
Gegenprinzip, eben der später nach ihm benannte Marxismus das Elend der
Menschen verhindern. Und genau das trat nicht ein. Woraus zu schlußfolgern
ist, daß sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus falsche Wege sein müssen.
Beide Ideologien lösten nicht die entscheidenden Probleme der Menschheit.
Sowohl auf materiellem Gebiet als auch noch viel mehr auf geistigem Gebiet.
Konsequent weitergedacht bedeutet das, daß nur ein Dritter Weg jenseits von
Kapitalismus und Kommunismus und jenseits von einseitiger Orientierung an
Materialismus und Geist/Spiritualismus die Probleme der Zukunft lösen kann.
In den Begriffen These/Antithese und Synthese gedacht bedeutet dies, daß
der Dritte Weg die Synthese aus der These Französische Revolution und ihrer
Antithese Feudalismus sein muß. Gleichzeitig muß der Dritte Weg, verengt man
den Begriff auf die rein materielle Seite, die Synthese aus der These
Kapitalismus und ihrer Antithese Kommunismus sein. Der Widerspruch
Arbeit/Kapital muß so aufgelöst werden, daß keine der beiden Seiten
unterdrückt wird. In diesem Zusammenhang ist es schwer zu leugnen, daß die
betont soziale Form der Marktwirtschaft obigen Widerspruch zwar nicht
aufgelöst, ihn aber, zumindest was die am höchsten entwickelten Länder
betrifft, zu einem Nebenwiderspruch heruntergestuft hat. Der Hauptwiderspruch
wird sich daher an dem Widerpsruchspaar Materie/Geist orientieren.
Was hat das freilich mit Revolution zu tun? Der offensichtliche Niedergang
des Marxismus-Leninismus und der scheinbare Endsieg des Liberalkapitalismus
bedeutet, daß der Widerspruch Arbeit/Kapital zunächst im Sinne des Kapitals -
trotz aller sozialer Begleitmaßnahmen - prinzipiell aufgelöst wurde.
Gleichzeitig zeigt die alltägliche Realität, daß der Kapitalismus niemals in
der Lage ist, alle menschlichen Probleme, geistig oder materiell zu
beseitigen. Das kann er ja auch nicht, da er nur die eine Seite der Medaille,
die eine Seite des Widerspruchspaares, nur die These einer Antithese, mithin
lediglich ein kleineres Übel ist. Aber er ist eben ein Übel, das nur durch
eine neue Synthese, eben den Dritten Weg ersetzt werden kann.
Zusammengefaßt können wir sagen, daß der Dritte Weg in der Hauptsache die
Synthese aus Geist/Materie, in der Nebensache die Synthese aus Arbeit/Kapital,
unvermeidlich und revolutionär sein wird. Derjenige wird an der vordersten
Front der zukünftigen Entwickling stehen, der das als erster begreift und
die richtige Synthese definiert. Es ist daher völlig absurd, den Dritten
Weg als "links" oder "rechts", als "antikommunistisch" bzw.
"prokommunistisch" usw. einzuordnen. Der Dritte Weg liegt nicht zwischen,
sondern jenseits all solcher Einordnungsversuche.
Diese These schließt sich logisch und konsequent an die erste These an. Der
in den am höchsten entwickelten kapitalistischen Staaten erreichte materielle
Wohlstand hat es, trotz aller sozialer Ungerechtigkeiten und unbestreitbarer
Armut breiter Bevölkerungsschichten, dazu gebracht, daß der seit dem Beginn
des 19.Jahrhunderts existierende Hauptwiderspruch Arbeit/Kapital zum
Nebenwiderspruch geworden ist. Niemand in den besprochenen Ländern muß
verhungern, die absolute, "zum Himmel schreiende" Armut ist, nimmt man eine
Handvoll Asozialer aus, die es in jeder Gesellschaft unter allen denkbaren
Umständen geben wird, eine Erscheinung der Vergangenheit. Niemand, der seine
fünf Sinne halbwegs zusammen hat, ist in der Gefahr, tagtäglich um sein
blankes Überleben kämpfen zu müssen. Das heißt natürlich nicht, daß es keine
sehr Armen gibt - man denke nur an die Empfänger von Mindestrenten oder
berufslose, alleinerziehende Mütter. Aber nochmal, selbst diese
Personenkreise sind sozial so abgesichert, daß sie zu keiner Zeit um ihr
nacktes Leben fürchten müssen, zumindest aus rein materieller Sicht nicht.
Bilder von verhungernden Kindern, verkrüppelten Jammergestalten, deren Bett
die Straße ist, beschränken sich auf die Dritte Welt. Das ist natürlich ein
gewisser Erfolg des Kapitalismus, und es wäre unrealistisch, dies zu
leugnen und davon zu faseln, die Arbeiterklasse habe nichts außer ihren
Ketten zu verlieren. Sie hat eben schon etwas zu verlieren, nämlich einen
wenn auch noch so bescheidenen Wohlstand.
Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein! Diese uralte Erkenntnis des
Menschen gilt immer dann, wenn das Individuum nicht all seine Energien,
seine Kraft und seine Intelligenz in die bloße Nahrungsbeschaffung stecken
muß. Wenn also Platz bleibt, über Sinn und Zweck des Lebens, über den
Unterschied zum nur instinktiv handelnden Tier nachzudenken, wenn also die
Frage nach der eigenen Identität gestellt wird. Es ist schlichtweg
unbestreitbar, daß praktisch alle Menschen in den erwähnten Ländern diese
Frage stellen können. Es geht um Bereiche wie Heimat, Geborgenheit in der
Familie, der Dorfgemeinschaft oder des Stadtviertels. Es gehört dazu das
Zugehörigkeitsgefühl zu einem größeren Kollektiv, dem eigenen Berufsstand,
dem Stamm und dem Volk und schließlich der Rasse. Aber auch die Geborgenheit
in einem jenseitigen Ganzen, einer Religion, also die Orientierung an
metaphysischen, überirdischen Mächten gehört dazu. Verkürzt könnte man dies
als die geistige Identität des Menschen definieren. Identität bedeutet Heimat,
es ist der Platz des Dazugehörens, der Bindung, der Verankerung. Der Sinn des
Lebens wird erfahrbar, Geborgenheit erlebbar, das nennt man Menschsein, die
Möglichkeit vollendetes Glück zu empfinden. Begriffe wie Liebe und Haß, Mut,
Würde und Ehre, Feigheit und Opportunismus werden mit konkretem Leben erfüllt.
Wer keine Identität besitzt, liebt alle Menschen (bzw. haßt alle Menschen),
was aber in der Realität nur bedeutet, daß er niemand liebt, daß
ihn niemand
liebt. Nirgends wächst er über sich hinaus, er riskiert nichts, er lebt
freudlos in den Tag hinein. Er flüchtet sich in die Ersatzwelt der Drogen,
des Alkohols, des künstlichen Nervenkitzels (Filme, Videos, exotische Reisen
usw.) synthetischer Stimmulantien (Musik aus der Konserve, Gaumenkitzel,
Sexismus usw.). Der identitätslose Mensch lebt wie derjenige, der ständig
unter dem Einfluß von Psychopharmaka steht: Alle Emotionen sind weggefiltert
bzw. müssen künstlich aufbereitet werden.
Der Entfremdete kann sich nicht über die Geburt eines Kindes freuen, weil
ihm der seelische Bezug fehlt. Er kapiert nicht, daß das Ansehen innerhalb
seiner Gemeinschaft, das er durch eine mutige Tat erreichen würde,
tausendmal schöner wäre und viel länger anhalten würde als die Freude über
noch so viel Geld. Der Krieger, der das Überleben seines Stammes, seiner
Familie sichert, empfindet unendlich mehr Stolz und Glück als der Söldner,
der um materieller Vorteile willen, ihm unbekannte Menschen umbringt, die
für ihn ohne Bezug sind. Der Weise, der durch einen geschickten Schachzug
sein Volk aus der Umklammerung des Feindes löst, der durch eine geniale
Erfindung ein Dorf vor der Überschwemmung oder einen Landstrich vor einer
Seuche rettet, dieser Weise hat es nicht nötig, daß ihm die Macht per
Abstimmung oder durch bombastische Titel bestätigt wird. Nein, dieser
Weise wird zum Träger der Macht, ohne sie angestrebt zu haben. Sie fällt ihm
zu wegen seiner Taten, seiner Weisheit, seiner Gerechtigkeit. Seine Macht ist
gut, sie ist natürlich, denn sie ist Produkt hohen Ansehens, das er beim Volk
genießt. Nie wird er diese Macht mißbrauchen oder gewaltsam verteidigen, denn
seine Macht ist so natürlich wie der Wechsel der Jahreszeiten und keiner, dem
Ehre und Würde etwas bedeuten, würde sie in Zweifel ziehen. Der Handwerker
zieht Befriedigung aus der Schönheit seiner Produkte und dem Lob der Käufer,
das Geld dient ihm lediglich zum materiellen Überleben. Denn eine
Gesellschaft in der Harmonie funktioniert natürlich nur dann, wenn niemand
in materieller Not leben muß. Askese und mönchische Weltabgewandtheit sind
ebenso Irrwege und Kennzeichen einer gestörten persönlichen Identität. Der
Asket ist ständig auf der Suche danach, während derjenige, der den
Widerspruch Identität/Entfremdung zugunsten der Identität aufgelöst hat,
dieses Menschsein, das vornehmste Ziel des Lebens, selbst lebt.
Wer am Beispiel des Kriegers/Söldners, des Weisen/Politikers oder des
Handwerkers/Fließbandarbeiters gesehen hat, wie weit wir vom Ideal eines
selbstbestimmten Lebens entfernt sind, der ist in der Lage, aus der
materialistischen Raserei aufzuwachen und überhaupt zu erkennen, daß es
diesen Widerspruch gibt. Und diese Entfremdung, diese Entgeistigung der
Menschen droht uns mit Riesenschritten in Richtung des Welteinheitsstaates,
der Welteinheitsreligion zu drängen. Und damit in die endgültige Katastrophe,
in die Apokalypse. Wo immaterielle Werte fehlen, öffnet man der Raserei und
dem Wahnsinn Tür und Tor.
Zwei Entwicklungen
Gegenwärtig beobachten wir zwei gegenläufige Entwicklungen, eine für
vorrevolutionäre Situationen charakteristische Erscheinung. Einerseits
greift die Entfremdung immer weiter um sich, werden mehr und mehr Menschen
zu Nirgendwomenschen bzw. Weltbürgern, die überall und zugleich nirgends
zuhause sind. Die multikulturelle Gesellschaft, dieser Kampfbegriff zur
Entwurzelung, zur Entortung der Menschen wird von den Herrschenden, die an
einer identitätslosen Einheitsmasse und -rasse von Konsumidioten größtes
Interesse haben, mit wachsendem Fanatismus eingesetzt. Andersdenkende, die
sich ihr Anderssein, ihre Eigenheit, ihre Identität bewahren wollen, werden